Dienstag, 9. März 2010

Transamerica!

Kürzlich stieß ich bei Bad Hair Days (Danke, Sarah!) auf ein YouTube-Link zu einem Film, den ich schon seit Monaten sehen wollte - ein Roadmovie mit Felicity Huffman (genau, Mädels: Lynette Scarvo von den verzweifelten Hausfrauen!) in der Hauptrolle.


Die spielt, obschon so biologisch Frau, wie man es überhaupt nur sein kann, die Transidente Bree, die, eine Woche vor ihrer langersehnten OP, überraschend einen Anruf von dem 17-jährigen Toby bekommt, der nach "Stanley" fragt und bekundet, dass der sein Vater sei.
Bree rechnet fix zurück und fällt fast tot um: Als sie noch "Stanley" war, hatte sie zu Collegezeiten eine flüchtige Affäre, die offenbar nicht gänzlich ohne Folgen blieb.
Sie behauptet, "Stanley" sei unbekannt verzogen und erfährt, dass Toby sich in New York in Jugendhaft befindet und dringend Hilfe benötigt.
Als sie später ihrer Therapeutin davon berichtet, verweigert diese ihr zu ihrem Entsetzen die endgültige Genehmigung ihrer OP - es sei denn, sie stelle sich ihrer Vergangenheit.
Bree jettet nolens-volens von LA nach New York, löst dort ihren Sohn aus, der sich als ziemlicher Desperado mit Drogen- und Stricherfahrung entpuppt, kauft einen klapprigen Wagen und begibt sich mit ihm auf eine abenteuerliche Fahrt quer durch die Staaten zurück nach LA.
Bree verschweigt sowohl ihre Transidentität, als auch die Tatsache, dass sie in Wahrheit sein Vater ist, will sich der unangenehmen Pflicht so schnell als möglich entledigen und den Jungen unterwegs bei seinenm Stiefvater absetzen und gibt sich als Missionarin aus, die das verlorene Schäfchen zurück auf den rechten Weg führen will.
Ihr Sohn hingegen, streetwise wie alle Straßenkinder, sieht in ihr nichts als eine etwas wunderliche Dame, die ihn nicht nur aus dem Gefängnis befreit, sondern ihn auch umsonst in der Gegend herumkutschiert...

So weit der Plot - ich mag nicht den ganzen Film erzählen, weil die ein oder andere ihn vielleicht selbst noch sehen möchte.
Nur so viel noch: Das ungleiche Paar kommt sich unterwegs näher. Und Bree muss sich den Dämonen ihrer Vergangenheit stellen.
Oh - aber sie schafft es gerade noch rechtzeitig zu ihrer OP! ;-)

Ich sah den Film nun zwar nur in YouTubes Mäusekino (für den Vollbildmodus ist mein Läpchentöpchen einfach zu schmalbrüstig) und in zehn einzelnen Teilen. Und war doch gottfroh darum, weil ich in den Pausen immer wieder um Fassung ringen und meine Sicht klären konnte - hinterher sah ich trotzdem aus wie ein verheulter Frosch.
Nie, wirklich noch nie habe ich die Ängste und Nöte, die Unsicherheit und den verzweifelten Mut Transidenter filmisch so überzeugend, so ergreifend verkörpert gesehen wie von Felicity Huffman, die für ihre atemberaubende Leistung mehr als zu Recht für den Oskar nominiert wurde.

Auch ohne Gender-Thematik wäre dies ein wunder-wunderschöner Film über Eltern und Kinder, Liebe und Enttäuschung, Mut, Verzweiflung und Hoffnung - und natürlich ein großartiger Vertreter des Genres "Roadmovie", den ich wirklich nur uneingeschränkt empfehlen kann.

Und als ich, während Bree schon im Vorraum zum OP-Saal liegend, noch einmal so schüchtern und sanft - wie Abschied nehmend - nach dem tastete, was sie nach der OP nie wieder in dieser Form vorfinden würde, wie ein Schloßhündchen heulen mußte, fiel mir "My Sex" von Ultravox ein...
Nun habe ich es naturgemäß eigentlich nicht so mit "Oden an die Hoden" - Dennoch: Das ist das schönste Glied-Lied, das ich kenne. Und eine sehr poetische, persönliche Beschreibung von Sexualität. Aber hört selbst:




















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Sonntag, 7. März 2010

Standortbestimmung

- zumindest ein zaghafter Versuch ...

Dies ist eigentlich gar kein eigenständiger Beitrag - sondern lediglich ein Kommentar zu diesem Artikel, den ich gestern bei Diana las.
Weil es aber um ein Thema geht, dass mich gleichfalls heftig umtreibt, poste ich ihn auch in meinem eigenen Blog.

Bei der Gelegenheit möchte ich betonen, dass mein Blog eigentlich nie so stark um das Thema Transidentität kreisen sollte. Und schon gar keinen Anspruch auf "politische Bildung" erheben will - ich bin nämlich eigentlich einfach Britta, ein ziemlich normales Menschenkind mit einem ziemlich durchschnittlichen, normalen Leben. 

Aber eben ganz zufällig transident - was immer wieder zu Erklärungsbedarf führt. Nützt ja nix ... :-/

Oje ... was Ihr da an Argumenten ins Feld führt, kann ich, die ich mich wie Ihr mit der Materie weit über das populärwissenschaftliche hinaus auseinandergesetzt habe, gut nachvollziehen.
Der Normalbürger hingegen versteht, wenn er "sexuell" hört, "EROTISCH" - und sonst gar nichts. Für mich (und für Euch vermutlich ganz genau so) hat mein Trans-irgendwas-sein aber nichts, null-komma-nichts mit Erotik oder was auch immer zu tun. Und ich will auf gar keinen Fall mit wie auch immer gearteten sexuellen Deviationen in einen Sack! Meine sonstigen Absonderlichkeiten (und wahrlich! Da hab ich so einiges!) sind nämlich eine vollkommen andere Baustelle.
Ich könnte mich gerade noch so eben mit "transGESCHLECHTLICH" anfreunden - das Wort bietet die deutsche Sprache immerhin -, obwohl es meiner unmaßgeblichen Meinung nach wirklich weit mehr um Identität, denn um rein Körperliches geht.

Der Fisch stinkt doch eh vom Kopf her: TRANS ist doch die Crux. "Trans" impliziert eine Bewegung von-nach. Und bei mir bewegt sich gar nichts: Ich habe eine weibliche Hirnstruktur. Und einen männlichen Körper. Punkt.
Dass wir an unseren Körpern ÜBERHAUPT herumfieseln, ist doch ein neuzeitlicher Bonus: In früheren Zeiten hätten wir uns gerade mal selbst den Schwanz abschneiden können (ist ja wohl auch oft genug passiert)! Bei den indigenen Völkern (übrigens längst nicht bei allen), die immer wieder gerne verklärt Erwähnung finden, ging es nie um den Körper - Menschen wurden da nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten verortet. Die trugen dann eben die Kleidung des "Wunschgeschlechts", übernahmen die entsprechenden Tätigkeiten und fertig!

Am ehesten kann man doch unsere Befindlichkeit als "einhäusig-zweigeschlechtlich" bezeichnen - und das ist keine Störung (was immer die Psycho-Faschisten auch behaupten mögen), sondern einfach eine Prädisposition, die es gilt, lebbar zu machen.
WENN sich allerdings tatsächlich mal die Auffassung durchsetzen sollte, dass wir nicht krank, sondern allenfalls ... speziell sind - werden wir uns wohl jemand anders suchen müssen, der all unsere Hormone und OPs bezahlt. Warum sollte eine Krankenkasse, mithin die Allgemeinheit, das dann noch tun?? Zillionen Menschen sind mit ihren Phänotyp unzufrieden - weil sie sich zu dick, zu klein, zu kahlköpfig oder kleinbrüstig finden. Schön! Ist zwar teuer - KANN man aber etwas gegen tun. Das zahlen die dann allerdings schön brav aus eigener Tasche.
Wir sollten also vielleicht ein wenig vorsichtig sein mit dem, was wir uns wünschen ...

Aber zurück zu dem mMn völlig hirnrissigen "trans" - findet denn wirklich so etwas wie eine Transition statt? Ist das nicht nur - zugegebenermaßen notwendige - Staffage? Reine Kosmetik? Ändert sich irgendetwas an den natürlichen Gegebenheiten, mit denen wir auf diese Welt gekommen sind? Jede verdammte Zelle unseres Körpers weist, einem Kainsmal gleich, das verdammte Y-Chromosom auf (Trans-Männer mögen sich alles, was ich hier so absondere, spiegelverkehrt vorstellen) - wenn man von den paar haploiden Keimzellen absieht. So wir denn noch welche haben.
Mal ehrlich, Mädels: Und wenn wir uns das noch so eifrig einzureden versuchen mögen, Homone fressen, bis der Doktor kommt und uns operativ aufpimpen lassen wie durchgeknallte Super-Models - wir werden NIE einfach nur "normale" Frauen sein!
Selbst die glücklichen unter uns, die so rechtzeitig mit ihren Bedürfnissen wahr- und ernstgenommen worden sind, dass sie eine relativ lückenlose weibliche Sozialisation genossen haben und um die ünerwünschten pubertären Auswirkungen herumgekommen sind, menstruieren nicht, werden nicht schwanger, kommen auch nie in eine natürliche Menopause. Da wird ein Leben lang auf Teufel komm heraus substituiert. Künstlich zugeführt, was eine halbwegs weibliche Erscheinung garantiert, auf dass unsere hartleibig am Dimorphismus sich festkrallende Gesellschaft sich an der Nase herumführen lassen möge.
That's it: Schöner Schein, ebenso kosten- wie risikointensiv aufrechterhalten (gibt es eigentlich Zahlen, wie viele von uns auf OP-Tischen verreckt, an Komplikationen eingegangen oder schließlich Thrombosen, Karzinomen und Leberschäden erlegen sind??), damit man uns endlich fühlen, denken und handeln läßt, wie es unserer Hirnstruktur entspricht!

Bei den Intersexuellen (da ist es wieder - dieses völlig irreführende, dämliche Wörtchen!) ist alles noch mal komplizierter, weshalb es da auch einige gibt, die darauf bestehen, "Zwitter" genannt zu werden. Weil sie sich nicht damit abfinden mögen, sich auf männlich oder weiblich festnageln zu lassen oder gar (wie leider immer noch üblich!) schon als Kleinkinder nach Gutdünken von Eltern und Medizinern "zurechtgeschnippelt" zu werden. Auch bei denen hat es es ja einige, die trotz auf ersten Blick normalem XX- oder XY-Genotyp körperlich uneindeutig auf die Welt kommen. Sind wir also vielleicht ALLE "zwischengeschlechtlich"?
"Bio" jedenfalls sind wir allesamt. Bio-Frauen (auch so ein kackendoofes Wort, dass ich mangels vernünftiger Alternativen gelegentlich widerstrebend benutze), Bio-Männer ... und eben Bio-Zwitter??
MEINE Identität mag auch von meinem Körper und seinem spezifischen Empfinden mitgeprägt sein - in erster Linie wohnt die allerdings zwischen meinen Ohren. Und das schon immer - niemand hat die da hinein trans-portiert! Biologischer gehts nimmer.
Meinen Körper trans-portiere ich nun allerdings so weit als irgend möglich von A nach B - nicht aber gleich auch noch meine Sexualität, die, wie gesagt, auf einem völlig anderen Blatt steht.

Also ...  was bin ich denn jetzt bloß?? Eine Hirn-Frau? Mit Körper-Mann? Ist mein Mann eine Körper-Frau mit Hirn-Mann?
Alex hat in seiner Not mal den Begriff "Außenfrau" erfunden, die den "Innenmann" umhüllt - treffender habe ich das noch nicht zu formulieren vermocht.
Wie dem auch sei: Ich denke, dass unserer Umwelt der Begriff "transident" klarer zu vermitteln ist als "transsexuell", egal, was die Psycho-Hanseln damit ausdrücken wollen - zuhause fühle ich mich aber weder hier noch dort.
Vielleicht gelingt es uns ja irgendwann, ein wirklich passendes Wort zu erfinden! Eines, dass uns nicht von Wissenschaftlern, die uns wie seltsame Insekten studieren, übergestülpt worden ist.

Im Übrigen - aber das ist eigentlich ein ganz eigenes Thema, das ich bei Gelegenheit ausführlicher zu beackern gedenke  - springen wir eh zu kurz: Was UNS nämlich das Ausleben unseres Empfindens in ganz vielen Aspekten so schwer macht, läßt sich mühelos auf die in dieser Gesellschaft immer noch bestehende Ungleichbewertung der Geschlechter herunterbrechen. Die Grenzzäune sind ja nur deshalb so hochgezogen, so schwerdurchdringlich, weil es um MÄNNER-Pfründe geht.
Was UNS unglücklich macht, betrifft in gewisser Weise ALLE Frauen!

Jedenfalls beabsichtige ICH, murrend und knurrend zwar, weil in Ermangelung eines noch zu prägenden Begriffs, lieber weiterhin dem Fähnchen "Transidentität" hinterher zu dackeln, als mich mit dem Branding "transsexuell" als sexuellen Freak abstempeln zu lassen.
Aber jede so, wie sie es mag.
Ich betone ausdrücklich, dass ich in keiner Weise zu werten beabsichtige - oder gar meiner persönlichen Ansicht irgendeine wie auch immer geartete normative Kraft beimesse!

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Mittwoch, 3. März 2010

Mimese und Mimikri

- wie Britta sich eine kleidsame Tarnkappe häkelte

Kapitel fünf - und noch kein Ende in Sicht. Ich würde gern mal wieder etwas "Tagesaktuelles" schreiben - geht aber nicht, weil ich das jetzt zu Ende bringen will. 
Ich label die verschiedenen Teile mit Kindheit/Jugend, damit man die nicht mühsam zusammensuchen muß und werde sie nachträglich wie versprochen bebildern ... wenn ich endlich mal zum Scannen und Bildbearbeiten komme.

Auf Stealth-Mission hinter den feindlichen Linien zu sein, erfordert Vorsicht, Einfallsreichtum und ein waches Auge, will man nicht verbrennen.
Das Wichtigste ist natürlich, nicht aufzufallen, Mimese also: Stein unter Steinen, Ast unter Ästen, Blatt unter Blättern sein - letzteres hätte Britta leichtfallen sollen, weil sie die meiste Zeit ohnehin wie Espenlaub zitterte.
Auffallen konnte man bei den seltsamsten Gelegenheiten, gerne natürlich, wenn man in Gedanken war - oder sich unbeobachtet glaubte.

Wie eines Nachmittags, als ich ungewöhnlicherweise das Zimmer für mich allein hatte, auf dem Bett lag und las.
Zu früh gefreut: Die Tür springt auf und einer meiner Zimmergenossen poltert herein. "Hey, Maus - hast du meine Fußballschuhe gesehen?" - "Hmpff ... nö ..." - Er beginnt unter großer Geräuschentwicklung in seinem Spind zu wühlen, findet schließlich das Gesuchte, betrachtet mich beim Hinausgehen flüchtig und meint: "Du liegst da schon wieder wie ein Weib." - Die Tür schließt sich mit männlich-grobmotorisch-lautem Knall - und weg ist er.
"Maus" bleibt erschüttert zurück und fragt sich verzweifelt, was denn JETZT schon wieder verkehrt ist.
Den Namen verdankte ich übrigens neben der Tatsache, dass ich so winzig war,  meiner damals bevorzugten Fortbewegungsart: Huschen. Flinkes Hin- und Herwuseln - immer in Bewegung bleiben. Jedenfalls nicht dieses gewichtige Schreiten wie auf den Planken einer Seeräuber-Bark, schwer an der Last realer oder imaginierter Bemuskelung tragend. Auch nicht das betont lässige Schlurfen, das die Absätze der Clogs (die wir damals alle trugen) im Handumdrehen zu papierdünnen Brettchen schliff. - Huschen eben.
Aber ich arbeitete bereits an einem halbwegs männlichen Gang.

Jetzt jedenfalls lag ich also mal wieder buchstäblich falsch - und mir wurde schmerzhaft bewußt, dass ich bei aller Sprachverliebtheit einen wesentlichen Aspekt - die Körpersprache nämlich - vernachlässigt hatte. Höchste Zeit für ausgedehnte Studien auf dem Gebiet geschlechtsspezifischen Gebahrens.
Erst mal eine kurze Bestandsaufnahme: Ich lag seitwärts hingegossen, auf den linken Ellenbogen gestützt, Buch in der linken Hand. Das rechte Bein hatte ich angewinkelt, den Fuß hinter die linke Wade gekringelt, die rechte Hand lag locker auf der Hüfte.
Hmm ... Sah das jetzt vielleicht irgendwie lasziv aus?? So à la "Playmate räkelt sich auf Eisbärenfell vor Kamin"?
Ich probierte andere Posen. Meine zweitliebste Leseposition - bäuchlings, auf beide Ellenbogen gestützt, Unterschenkel hochgeklappt - wirkte irgendwie auch nicht männlich-markanter.
Schwierig. Wie lagen die denn, zum Donner?? Ich beschloß, die Jungs besser zu beobachten.
Sitzen war auch so eine Sache. Saß ich zum Beispiel auf einem Sessel, dann klemmte ich mich in eine Ecke, die Knie zusammen. Oder zog die Beine an und legte das Kinn auf die Knie. Ich übte, wo ich schon alleine war, gleich mal das breitbeinig-Hinfläzen. - Huh ... ungewohnt. Auf Stühlen war's nicht besser: entweder auf der vorderen Kante balancierend, Hände neben den geschlossenen Schenkeln, Füße nach hinten, oder Knie zusammen, Füße nach außen und den Kopf in die Hände gelegt. Ich seufzte schwer. Das sah nach viel Üben aus. Hinsetzen, aufstehen, hinsetzen, Haltung überprüfen und korrigieren, aufstehen...
Puh. Gar nicht einfach, ein Junge zu sein.

Grund für meine hektischen Aktivitäten war auch die düstere Stimmung, in der ich mich seit meinem letzten "Heimaturlaub" befand.
Die meisten von uns - jedenfalls die, deren Zuhause in vertretbarer Nähe lag - fuhren jedes zweite Wochenende heim. Einige fuhren nur in den Ferien; ganz wenige, deren Eltern dauerhaft im Ausland oder gar tot waren, wurden selbst über die Ferien im Internat notversorgt.
Ich hatte es nicht weit - anderthalb Stunden mit dem Zug - so dass ich zu den Glücklichen gehörte, die dem Elend wenigstens alle 14 Tage entfliehen konnten.
Nach fast einem Jahr in Timmendorf war der Kontakt zu meinen alten Klassenkameraden bereits ziemlich eingeschlafen. Einem Plakat entnahm ich, dass im Gemeindehaus "Disko" sei, und beschloß, auf Verdacht dorthinzugehen.
Es war ziemlich voll, die Tanzfläche einigermaßen belebt, aber keiner meiner alten Kumpane schien da zu sein. Vom Sehen kannte ich den ein oder anderen. So auch die Gruppe Realschüler, die am Rand standen, die Tanzenden beobachteten und auch gelegentlich zu mir sahen, die ich da einsam und selbstvergessen vor mich hin tanzte.
Schließlich löste sich eine der übelbeleumundetsten Dorfmatratzen aus dem Grüppchen, näherte sich mir betont langsam mit wiegenden Hüften und baute sich vor mir auf. "Ich habe gerade einen Kasten Bier gewettet, dass DU pervers bist!" sagte sie, machte auf dem Absatzt kehrt, ehe ich etwas erwidern konnte und ging zu ihren wiehernden Stechern zurück.
Uff... Das hatte gesessen. Mir wurde richtiggehend schlecht, als wenn ich einen Schlag in die Magengrube erhalten hätte.
Verdammt! Diese verdammte Schlampe! Ich hätte mir gewünscht, der Erdboden würde mich verschlingen - oder besser natürlich erst mal sie! Weil natürlich keins von beidem geschah, sah ich zu, dass ich da raus kam.
Bloß schnell nach Hause ... und nicht das Flennen kriegen, so lange mich noch jemand sehen konnte.
Das mag jetzt ein wenig nach Drama-Queen klingen - andere mußten sich schließlich auch blöde Kommentare zu Aussehen oder Tanzstil anhören - aber die Vorstellung, enttarnt zu werden... und die meiner Ansicht nach damit verbundene Schande ... gehörte zu meinen schlimmsten Ängsten - noch weit vor Krankheit, Tod oder Schulversagen.
Ich hatte noch wochenlang daran zu beißen und wünschte der blöden Kröte Pest, Cholera und natürlich alle erdenklichen Geschlechtskrankheiten an den Hals.

Zurück im Internat fragte ich D., die mich auch schon hatte tanzen sehen, ob etwas mit meinem Stil nicht stimme. "Bisschen viel Hüfte, vielleicht", meinte die, "und Arme zu dicht am Körper."
Ah - dachte ich mir schon. Mal wieder zu feminin.
Ich übte heimlich, mochte seitdem aber nicht mehr wirklich tanzen, weil ich mich unfrei und angespannt fühlte, wenn ich mich so kontrollieren mußte.

Warum mir so schändlich vorkam, zu meiner Weiblichkeit zu stehen? Hmm ... In den 70ern knirschte es zwar schon mächtig im Gebälk der bis dahin festgefügten Rollenmodelle - dennoch kannte ich niemanden, der freiwillig hätte Frau sein mögen. Frausein hatte (neben all den Vorteilen, die aber offensichtlich nur ich sah!) jede Menge Nachteile, gesellschaftspolitisch wie auch ganz konkret im persönlichen Alltag.
Und Frauen taten gut daran, sich vor Männern in Acht zu nehmen. 

Ein Beispiel: T. war ein Klassenkamerad und einer der Mavericks - kein Genie, wenn auch nicht doof (ich war über seine durchaus respektablen schulischen Leistungen ja im Bilde), dafür ein Psycho, dessen bloße Anwesenheit sich einem die Nackenhärchen aufstellen ließ. Er sah ziemlich gut aus (blendend, um der Wahrheit die Ehre zu geben), war eine Sportskanone und trotzdem meist allein, weil er auf eine schwer erklärliche Weise furchteinflößend war. Als ich eines Abends in der Dämmerung vom Strand zurückkam, sah ich ihn mutterseelenallein an einen Baum gelehnt - um seinen Zeigefinger kreiste eine verdammt echtaussehende Knarre. Ich machte einen großen Bogen.
T. redete nicht viel - er schlug sofort und ohne Vorwarnung zu - da reichte schon ein falsches Wort oder ein schiefer Blick. Zweimal "Nase englisch" verdankte ich allein ihm - und war entsprechend überrascht, als er eines Tages mich und eine weitere Klassenkameradin zum Skatspielen einlud.
Weil er einen Hang zum Küchenpersonal zu haben schien, war er mit der 16-jährigen Küchenhilfe K. verbandelt, die noch bei ihren Eltern wohnte, wo er mit uns zu spielen gedachte.
M. (die Klassenkameradin) und ich waren nicht sonderlich scharf auf seine Gesellschaft, aber neugierig genug, die Einladung anzunehmen, fanden uns also zum verabredeten Zeitpunkt in K.s Elternhaus ein. Die führte uns in ihr Zimmer (fast schon eine kleine Wohnung) unterm Dach, wo T. bereits - ganz der Hausherr - auf dem Sofa thronte und uns Getränke anbot, die K. dann fügsam zu holen eilte.
Kaum war sie wieder da, fiel T. ein, dass er unbedingt Kaffee bräuchte - K. flitze brav runter in die Küche, um einen zu brauen.
Wir hatten angenommen, dass wir mit Kiebitz, also zu viert, spielen würden, wurden aber belehrt, dass K., das dumme Huhn, gar nicht Skat zu spielen wisse. Da sie auch sonst nicht viel zu unserer Unterhaltung beizutragen wußte, fühlte sie sich offenbar ein wenig deplaziert (und das in ihren eigenen vier Wänden!) und schaute unglücklich.
Ich kannte sie bislang nur in ihrer Küchenmontur, sah jetzt aber, dass sie auch privat nicht viel anders herumlief: Bluse, knielanger Rock, Puschen und - selbst für damalige Verhältnisse ungewöhnlich für eine 16-jährige - Kittelschürze: ganz die biedere, züchtige Hausmaus.
Nachdem T. sie schon so etwa viermal treppauf-treppab gescheucht hatte, gelüstete ihn nach einem Bier - und holla! - K. begehrte zum ersten Mal tatsächlich auf!
Sie war mit ihrer Aufzählung der bereits herbeigeschleppten Sachen noch nicht ganz fertig, als sie sich eine schallende Ohrfeige einfing, die ihr fast das Gesicht nach hinten drehte. K. brach sofort in Tränen aus und lief raus - M. und ich saßen stocksteif vor Entsetzen und erwarteten jeden Moment, ihren Vater hereinstürmen zu sehen, um T. und uns vor die Tür zu setzen.
Aber nichts dergleichen: K., von der wir beide angenommen hätten, dass sie zu beschämt oder sauer sein würde, um wiederzukommen, kehrte demütig und immer noch leise flennend mit dem Bier zurück...
Wir spielten die Runde noch zu Ende und verließen dann unter fadenscheinigen Entschuldigungen den Ort des Schreckens.
Draußen empörten wir, die wir zu feige gewesen waren, auch nur einen Finger zu rühren oder den Schnabel aufzumachen, uns wortreich.
Aufgeregtes und natürlich nicht im geringsten zielführendes Geplapper: man könnte, man sollte, wie erträgt sie bloß,  wie kann er nur ... Derweil K. drinnen vermutlich gleich noch was hinter die Ohren bekam - just for good measure oder weil sie ihm mit ihrer Renitenz den Abend verdorben hatte.
Jedenfalls versah sie Tags drauf ihre niederen Arbeiten mit üppig blühendem Veilchen; nicht zum ersten Mal: wir hatten sie schon öfter mit blauen Flecken oder zugeschwollenen Augen gesehen und natürlich vermutet, dass T., und nicht etwa die glitschige Treppe oder der verirrte Schneeball der Grund dafür sein möge.

Mich beschäftigete dieses Erlebnis nachhaltig: Ich schämte mich für ihn, der uns in diese peinliche Situation gebracht und sein Mädchen vor unseren Augen geschlagen hatte; für sie, die das mit sich geschehen ließ, anstatt ihn achtkantig aus ihrem Zuhause zu kegeln, weil sie offenbar keinen Funken Stolz mehr im Leib hatte - und natürlich für mich, die ich nicht genug Arsch in der Hose hatte, nicht genügend Solidarität aufbrachte, Partei für sie zu ergreifen und dem Kerl zu sagen, was ich von derartigem Verhalten hielt.

Ich schämte mich aber auch, weil er fortan durch meine schon fast erotischen Träume geisterte - der erste Mann, der seit meinem Vater so weit in mein Unterbewußtsein vorgedrungen war. Gleich diesem hatte er pragmatisch, äußerlich ungerührt und aus "erzieherischen" Gründen gestraft.

Ich wollte ja eigentlich gar keinen Mann. Und so einen Mistkerl gleich mal gar nicht. Oder etwa doch??
K. verließ ihn ja nicht - wie sehr er sie auch quälte.
War das Hörigkeit? Oder gab er ihr etwas - Halt vielleicht? Orientierung? Oder ganz besonders tollen Sex? - was die Demütigungen und Schläge wert war? - Ich fand das ziemlich verwirrend.
Eines jedenfalls schien klar: Käme jemals heraus, dass ich in Wirklichkeit gar kein Mann war - quasi unter falscher Flagge segelte ... ich liefe vielleicht Gefahr, so zu enden, so behandelt zu werden wie K., die da ja irgendwie statt meiner zum Opfer wurde...
Sehr verquere Gedanken damals - ich litt tatsächlich eine Weile unter der seltsamen Vorstellung, dass sie und andere nur leiden müßten, weil ich mich entzogen hatte, mich in einem Jungenkörper verborgen hielt.

... Ist selbst heute nicht leicht für mich in Worte zu fassen.

"Nicht auffallen!" wurde mein Mantra, meine Mimese machte Fortschritte, und verbunden mit der zumindest rhetorischen Mimikri (wirklich körperlich gefährlich zu erscheinen war dann doch ein Ding der Unmöglichkeit) entstand eine Art Kunstfigur, ein Avatar, mein "Außenmann", der mir das Überleben in eigentlich lebensfeindlicher Umgebung gewährleistete.

Nicht auffallen - um jeden Preis.

Um den Preis körperlich-mentaler Einheit zum Beispiel. War ich früher bei allen inneren Widersprüchen doch irgendwie eins - ein Ganzes -, so ging jetzt ein schmerzhafter Riß durch meine Persönlichkeit.
Ein Riß, der, sich stetig verbreiternd, den Außenmann immer weiter von dem inneren kleinen Mädchen entfernte. Das klein blieb ... weil es sich, unterdrückt und weggesperrt,  nicht fortentwickeln konnte.

Mein inneres Kellerkind: blasser mit jedem Tag, anämischer ...
- und doch nicht totzukriegen.

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Montag, 1. März 2010

Allein unter Männern

- kleiner Leid(!)faden transidenter Überlebensstrategien  

Das vierte Kapitel - ich staune ein wenig, wie viel da plötzlich wieder hochkommt, wenn man erstmal im Flow ist.
In den lediglich zweieinhalb Jahren, die ich auf dem Internat verbrachte, drängt sich allerdings auch vieles, was mich ziemlich stark geprägt hat.

Zuhause gab es ja nun seit drei Jahren einen neuen Mann an meiner Mutter Seite. Und meinen Vater mußte ich auch gelegentlich besuchen. Sonst ging ich Jungs, wenn irgend möglich, aus dem Weg. Ich hatte wohl immer so zwei-drei Spielkameraden, die aber meist auch nicht wirkliche Ikonen der Männlichkeit waren.
In deren Gesellschaft fielen meine Defizite nicht so sehr auf, denen war egal, ob ich fußballspielen konnte, ob ich auf Bäume klettern oder von Garagendächern springen mochte. Die schätzten mich für meine skurilen Ideen, vielleicht auch, weil ich Gefühle zeigte und nicht auf den ihren herumtrampelte, wenn sie das auch taten.

Wähnte sich Försters Pucki so schon unter Wilden, hatte sie als frischgebackene Internatlerin nun das Gefühl, inmitten einer Menagerie wilder TIERE zu sitzen.
Nicht, dass es bei den Mädels sonderlich freundlicher zugegangen wäre: Die prügelten sich wohl weniger, tränkten es sich dafür mit katzenhaft süßem Lächeln heimlich ein, verzierten die Strumpfhosen der Rivalin mit Laufmaschen, schnitten der auch schon mal des Nachts die Haare oder pinkelten sich gegenseitig in die Parfüm-Flacons.
Dennoch schienen die bei aller hierarchischen Struktur so etwas wie Solidarität und Mitgefühl zu kennen. So ganz genau habe ich es nie herausgefunden - das war eine eigene, in sich geschlossene Welt, über die ein ältliches Fräulein (das auch darauf bestand, so angesprochen zu werden!) mit Argusaugen wachte. Ich fand, sie hatte etwas von Frau Malzahn. Ich hätte trotzdem lieber zu ihrer wohlbehüteten Herde seltsamer Prinzessinnen gehört, als in Ali Babas Höhle unter den Räuberkindern leben zu müssen.
So kam mir das nämlich vor. Da herrschte ein rauher (zuweilen auch durchaus herzlicher) Ton, an den ich mich nur langsam gewöhnte.
Die sprachen, wenn sie nicht gerade über Fußball oder Autos fachsimpelten, andauernd über rätselhafte Dinge, von denen ich so noch nie gehört hatte.
Von "Mösen" zum Beispiel. Komisches Wort. War mir bislang noch nicht untergekommen, bezeichnete offenbar Mädchen im allgemeinen oder die Freundin im Besonderen. Es hieß dann beispielsweise: "Ich komm' heut' nicht mit zum Fußball... geh mit meiner Möse ins Kino." - Aha.
Ich benutze das tolle neue Wort im Rahmen meiner mimetischen Bemühungen natürlich auch, wollte aber dann doch wissen, wie sich das eigentlich herleitete.
Weil ich mich aber nicht bei den Jungs als Hinterwäldlerin outen mochte, fragte ich eine Klassenkameradin, die ich gelegentlich im Mädchenhaus besuchte. Die brach ob meiner Unbelecktheit im schallendes Gelächter aus, deutete schließlich vielsagend zwischen ihre Beine...
Britta ahnte Unvorstellbares, hauchte kaum hörbar "V...agina???", was einen weiteren Heiterkeitsausbruch zur Folge hatte: "Ja, du Schussel! Vagina... Muschi... Pussy... Butze... Schnalle...!" -
Ufff... Britta machte große Augen... das alles waren Wörter, die sie hier wohl schon im Zusammenhang mit Mädchen gehört, aber nicht adäquat zu verorten gewußt hatte.
Konnte das möglich sein?? Dass Jungs die Mädchen - die eigene Freundin gar, die sie doch zu lieben vorgaben - derart reduzierten??
D. erläuterte, dass "Schnalle" das sei, wo der "Riemen" reinkäme.... okaaay... sinnfällig. "Muschi" und "Pussy" hätte nur in übertragenem Sinne etwas mit Kätzchen zu tun... auch klar... - Einzig "Butze" wußte sie nicht wirklich zu erklären. Ich erfuhr viel später, dass das Wort aus dem Berlinerischen stammt und eine kleine Wohnung oder einen Unterschlupf bezeichnet.
Auf meine Frage, ob Mädchen nun ihrerseits ihre Freunde als "Schwanz" oder vielleicht "Pimmel" bezeichneten, beschied sie mir, dass dass einfach "mein Typ", "Macker" oder "Freund" hieße - sonst würde schlicht der Name verwandt: das Beziehungsverhältnis wäre unter Freundinnen ja eh bekannt, müßte also nicht extra herausgestrichen werden.
Ich war erleichtert - zumindest die eine Hälfte der Menschheit war offenbar noch nicht vollends und hoffnungslos verroht - und beschloß, diese Begriffe aus meinem aktiven Wortschatz zu streichen.

D. war es auch, die ich irgendwann bat, mir die Augen zu schminken - angeblich lediglich, weil ich wissen wolle, wie ich mit Mascara und Kajal aussähe.
Ich hatte zwar oft meine Mutter beim Schminken beobachtet, auch selbst natürlich mit ihrem Krams experimentiert, das aber nie so richtig hingekriegt.
Sah süß aus, befand D. und versprach, das nicht weiterzuerzählen. Tat sie wohl auch nicht - es kam mir jedenfalls nie zu Ohren.
D. war nett, fast ein Jahr älter als ich und wurde mir so etwas wie eine Vertraute, wie die ältere Schwester, die ich gerne gehabt hätte, der ich mein Leid klagen und die ich Dinge fragen konnte, die ich andere nicht zu fragen wagte. Mich ihr ganz zu offenbaren traute ich mich aber nicht.

Die "Räuberkinder" kannten nicht nur komische Wörter, sie sprachen überhaupt viel über Sex (taten die "Prinzessinnen" vermutlich auch...) - 14-15-16-jährige sind wohl so.
Nicht, dass ich viel zu ihren Erzählungen beizutragen gehabt hätte, ich war ja mit allem ein wenig spät dran - aber wenn, dann hätte ich nie so schnodderig, so abwertend und vulgär darüber reden mögen. Die hielten das offenbar für männlich, extrem erwachsen und mit allen Wassern gewaschen - ICH fand es einfach nur mies, gefühllos und ein bisschen eklig.
Es wunderte mich überhaupt, dass die so gar kein Schamgefühl zu haben schienen: Die fanden offenbar nicht das geringste daran, splitterfasernackt im Zimmer umherzuhüpfen oder unter dieser entsetzlichen Gemeinschaftsdusche, die es einem nicht einmal ermöglichte, die Temperatur individuell einzustellen, körperliche Entwicklungen fachmännisch zu begutachten und darüber zu reden. Fremdartige Wesen.
Ich war eigentlich nicht wirklich prüde - zuhause liefen wir auch gelegentlich nackt herum - mochte mich aber Fremden nicht gern nackt zeigen. Ich schämte mich ein wenig für meinen Kinderkörper und fürchtete den direkten Vergleich. Auch fand ich, dass meine Brustwarzen ungewöhnlich groß waren, hatte Angst, dass das bemerkt werden könnte und zog mich deshalb auch beim Sport grundsätzlich der Wand zugekehrt um.
Sex interessierte mich eigentlich brennend - ich konnte meine Eltern nach absolut allem fragen und bekam immer ausführliche Antworten, las auch alles darüber, was ich in die Finger kriegen konnte - ich wollte nur einfach nicht SO darüber reden, wie das üblich zu sein schien.
Kekswichsen à la "Crazy" gab es bei uns gottlob nicht - aber ab und an beliebten meine Zimmerkameraden vor dem Einschlafen ein Wettonanieren anzuberaumen, was ich total entsetzlich und widerlich fand. Ich gab meist vor, bereits zu schlafen und hoffte, dass die möglichst schnell zu Potte kommen und Ruh geben möchten.

Das Zusammenleben mit Jungs war anstrengend und beängstigend. Ich war absolut ratlos, warum ich mich so fremd fühlte: Warum konnte ich nicht, was denen offenbar so leicht fiel? Warum mochte ich nicht, was die alle so toll fanden?
Körperlich sah ich die Ähnlichkeit zu ihnen - aber warum hatte ich trotzdem das verstörende Gefühl, unter diesen ganzen langsam zu Männern werdenden Wesen so schrecklich falsch zu sein??
Es konnte nicht angehen, dass ich es mit lauter Mutanten zu tun hatte - also waren die offenbar die Norm.

Aber was zum Teufel war dann ich??

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Sonntag, 28. Februar 2010

Killer-Bunny

... oder wie man seine Unschuld verliert - ohne selbst zu bluten!

Der dritte Streich nach "Pazivalerina" und "Britta hinter den Spiegeln" - nicht, wie ursprünglich geplant, der letzte; eigentlich mehr ein erklärendes Zwischenspiel.
Ich fürchte, meine "Vergangenheitsbewältigung" wird doch ein wenig umfangreicher...


Der gravierendste Unterschied zu meinem bisherigen Leben bestand darin, dass ich von einem auf den anderen Tag meiner Privatsphäre vollständig verlustig ging.
Wird man in der Schule gemobbt, so ist ein Ende der Qual doch absehbar: Nach Schulschluß kann man sich in seine Höhle verkriechen und sich seinen Umgang in der Freizeit mehr oder weniger selbst aussuchen. Hat man hingegen das Pech, auf einem Internat zu landen, gehen die Uhren anders.
Unsere Schule war direkt nebenan und wurde auch von den sogenannten "Externen", den Gören aus Timmendorf und umzu, besucht. Nach Unterrichtsende war man also lediglich rund zwei Drittel seiner potentiellen Quälgeister los. Der Rest folgte einem im großen Pulk in den Speisesaal. 30 Minuten später verteilte sich alles auf die jeweilgen Häuser - von den ursprünglichen 220 blieben in meinem Fall so etwa 60, mit denen schon mehr zu rechnen war, weil sie sich einigermaßen frei im Haus bewegen und einem auf die Pelle rücken konnten - alle anderen mußten sich beim Erzieher anmelden, wenn sie zu jemandem aus unserem Haus wollten.
Im Haus splittete sich die Meute, schichtete sich nach Alter und Fluren. Sechs bis acht Zwerge pro Zimmer im Unterflur, im Mittelflur vier bis sechs, die Oberstufe residierte im Oberflur in relativ komfortablen 2-3-Personen-Höhlen.
Besucht (meist eher heimgesucht) wurde von oben nach unten: Jüngere gingen nicht ohne Einladung oder guten Grund in die oberen Flure. Blieben also etwa 20 Leute, denen man jederzeit im Flur, auf dem Klo oder im Waschraum begegnen konnte.
Der alles entscheidende letzte Cluster aber war die Zimmerbelegschaft: Den direkten Bettnachbarn KONNTE man nicht entgehen. Die waren IMMER da, rund um die Uhr, mit denen ging man zur Schule, saß beim Essen mit ihnen an einem Tisch, machte gemeinsam Hausaufgaben und wurde mit ihnen zweimal die Woche in die gaskammerartige Gemeinschaftsdusche gescheucht - die konnten auch mitten in der Nacht auf komische Ideen kommen.
Die einzige Möglichkeit, mal für eine kleine Weile allein zu sein, gab es während der Stunden, in denen man "Ausgang" bekommen konnte. Dann konnte man an den Strand oder in den Wald flüchten - was ich tat, wann immer es ging.

Die Lebensqualität bemaß sich in erster Linie nach der Stellung in der Hierarchie.
Die "Alphatiere" hatten außer der Mühe, ihren Rang zu behaupten, wenig auszustehen. Als Alpha galt, wer beliebt, gefürchtet, oder beides war.
Beta- und Gamatierchen mußten sich schon etwas wärmer anziehen, lauerten auf eine Gelegenheit, den Alphas den Rang abzulaufen oder doch zumindest nicht weiter abzusteigen.
Die "Omegas" aber hatten die Hölle auf Erden. Jeder, absolut jeder hielt sich an ihnen schadlos, trampelte auf ihnen herum, um Dampf abzulassen oder einfach nur so.
Sozialer Status in der Aussenwelt half nur bedingt: Reicher Leute Kinder konnten sich in bestimmtem Umfang freikaufen. Die weniger reichen versuchten das auch - im Nebenzimmer hatte es einen Unglückswurm, dessen einzigen Resourcen aus alle paar Wochen von seiner Großmutter geschickten Freßpaketen bestanden. Die lieferte er ungeöffnet ab - seine Zimmer'genossen' fraßen die Hälfte und verteilten den Rest, um sich selbst "Freundschaften" zu erkaufen.
Eine andere Beschwichtigungsmöglichkeit bestand darin, unangenehme Aufgaben zu übernehmen: Ein Dienstplan regelte, wer in der Küche helfen, den Hof fegen, die "Schweineeimer" wegbringen (die reichlich anfallenden Essensreste, mit denen Viehzeug gemästet wurde), Zimmer und Flure saubermachen mußte. Überwacht wurde das vom "SvD", dem (üblicherweise im Oberflur beheimateten) "Schüler vom Dienst". Den aber kümmerte nur, das es erledigt wurde - nicht wer das tat.
Nicht sooo üblich, aber sowohl einvernehmlich, als auch als Resultat von Nötigung möglich: sexuelle "Dienstleistungen". In so eine Position zu geraten, vernichtete zwar jede Chance, jemals wieder Ansehen zu erlangen, verhalf aber wenigstens zu EINEM "Beschützer", der die übrigen Bestien auf Abstand hielt.
Jeder wußte davon, wußte, wer wen wann schlug, demütigte, nötigte - wie hätte man das bei der sozialen Enge auch unter der Decke halten sollen? - und keiner half.
Im Gegenteil: Einmal stigmatisierten Opfern gab man schnell im Vorübergehen auch noch einen mit. Die Erzieher bekamen davon nur Wind, wenn sie zufällig dazu kamen - Petzen zu laufen ging gar nicht, kam sozialem Selbstmord gleich.

Britta hatte nun wirklich nicht das Zeug zum Alphatier, war weder stark, noch sportlich, war nicht reich und sicherlich kein Mädchenschwarm - hatte aber den festen Willen, nicht als Omega zu enden und biß deshalb wild um sich.
Es gab so etwa eine Handvoll Einzelgänger - Mavericks, die nirgends dazu gehörten, die außer Konkurrenz liefen, weil sie irgendetwas an sich hatten, das sie aus der Masse heraushob.
Paria - Unberührbare... Entweder vergeistigte Genies, die in irgendwelchen unerreichbaren Sphären schwebten - oder brandgefährliche, unberechenbare Soziopathen, denen man besser nicht zu nahe kam, weil sie keinerlei Beißhemmung kannten, sich an keine Regeln hielten.
Hier kam ihr jetzt ihre starkentwickelte Empathie zustatten - eigentlich eine schöne, soziale Fähigkeit, die man aber auch hervorragend nutzen konnte, um anderer Leute Schwächen herauszufinden. Nun nur noch das Kaliber der Revolverschnauze gehörig aufgebohrt, letzte Skrupel über Bord (tschüß, Hanni und Nanni - das Leben ist WIRKLICH kein Ponyhof!) - und dann volle Lotte drauf! Auf alles und jeden, der den Sicherheitsabstand nicht einzuhalten tollkühn genug war.
Das führte in der ersten Zeit mehr als einmal zu blutiger Nase und zugeschwollenen Augen - dann hatte auch der Unbedarfteste gemerkt: Das kleine Mistvieh umfuhr man besser weiträumig, ließ es in Frieden, wollte man vermeiden, zum Gespött des Publikums zu werden. Britta vermied nämlich schlau die Konfrontation tête-à-tête, knöpfte sich potentielle Opfer nur vor, wenn genügend Zuschauer zugegen waren, die eine zünftige öffentliche Exekution auch gebührend zu würdigen wußten.

Ich merkte anfangs gar nicht, WIE zerstörerisch meine Kraft bereits war, hielt mich für winzigklein, unbedeutend und ganz und gar nicht dazu im Stande, ernstzunehmenden Schaden anzurichten.
Auch da bedurfte es wieder eines Satori-Erlebnisses, wie seinerzeit mit dem Spatzen.
Im Keller stand ein vielfrequentiertes Tischfußball-Dings, dass ich üblicherweise mied, weil Kickern Ballgefühl erforderte... Gelegentlich ließ ich mich jedoch dazu breitschlagen. Wir spielten zwei gegen zwei - etwa 10 Leute standen um uns herum, sahen zu und kommentierten - natürlich auch meine häufigen Patzer.
Wortführer war O., der etwa so alt wie ich, ebenfalls mit recht spitzer Zunge gesegnet und einer unserer wenigen Realschüler war. Dieser Umstand, sowie die Tatsache, dass er als Scheidungskind mit seiner Mutter in deutlich bescheideneren Verhältnissen als vor der noch nicht lang zurückliegenden Trennung seiner Eltern lebte, machte ihm zu schaffen, wie ich wußte.
Erst versuchte ich, ihn mit gelegentlichen Repliken in seine Schranken zu weisen, während ich weiterspielte; als er aber gar nicht lockerließ und sich mit hohntriefender Stimme darüber verbreitete, dass ich wie ein Mädchen kickerte, platze mir der Kragen: "Klar! Klar spiele ich wie ein Mädchen!", dachte ich, "Aber DU Mistkerl wirst der letzte sein, der herausfindet, WARUM!" - es war an der Zeit, ihn nunmehr meiner vollen Aufmerksamkeit zu würdigen.
Ich brach das Spiel kommentarlos ab, wandte mich zu ihm um und nahm sorgfältig Maß. Er war voll dabei, wähnte sich sicher und die Lacher auf seiner Seite - die ersten Einschläge merkte er nicht einmal. Als ihm aufging, dass die anderen längst nicht mehr über mich, sondern über ihn lachten, war's zu spät - ich hatte flink das Thema gewechselt und konzentrierte mich jetzt ganz auf seinen Kummer über den sozialen Abstieg, erfand haarsträubernde Geschichten über den Stadtteil, in dem er leben mußte, über seine Mutter, die Wohnung, die gesamten Lebensumstände. Er gehörte üblicherweise eher zu denen die austeilten, als dass sie einstecken mußten, war nicht gewohnt, so in die Defensive zu geraten, mühte sich redlich, aber fruchtlos, wieder eine eigene Strategie zu finden.
Schließlich wurde seine Gegenwehr schwächer und stereotyper, er begann sich unter meinen Worten wie unter einer Peitsche zu winden, wich endlich rückwärts in Richtung Treppenhaus zurück - ich und meine feixenden Claqueure immer hinterher. Ich trieb ihn mit Worten die Treppe hinauf, konnte fast körperlich fühlen, wie sie ihn trafen, war wie im Rausch, wurde schneller, zynischer und gemeiner, hielt ihn aber praktisch künstlich am Leben, wo ich ihm längst den rhetorischen Gnadenstoß versetzen oder ihn vom Haken hätte lassen können - ich hatte doch schon längst gewonnen.
Die Hatz endete im Dienstzimmer des Hausvaters - er hoffte wohl, ich würde dort von ihm ablassen, hatte aber die Rechnung ohne das Brittalein gemacht, die wie besoffen von der Schönheit und Kraft ihrer Worte dort erst richtig zur Höchstform auflief. 

Ich muß wirklich sehr, sehr witzig gewesen sein - selbst unser Erzieher, der in der ihm eigenen Einfalt überhaupt nicht überriß, welches Drama sich da vor seinen Augen abspielte, lachte sich halbtot...
O. war längst am Ende - eigentlich schon deutlich drüber - ich wußte das, ich wußte was ich tat, sah sein Kinn verräterisch zucken, hörte das Zittern in seiner Stimme... Keine Gnade... keine Atempause - ich war dafür bekannt, keine Gefangenen zu machen... aber eine derartige Machtfülle hatte ich nie zuvor empfunden.
Schließlich der völlige, totale Zusammenbruch: O. brach in Tränen aus... vor versammelter Mannschaft... vor dem jetzt doch wie vom Donner gerührten Erzieher... er rannte raus, flüchtete die Treppe rauf, gab Fersengeld wie von Furien gehetzt, schloß sich im Klo ein und drohte, sich das Leben zu nehmen.
Drei Stunden redeten sie auf ihn ein wie auf ein krankes Pferd, bis er endlich wieder heraus kam.

Mir trug die Nummer eine gehörige Standpauke vom Internatsleiter, zu dem man mich schleppte, zwei Wochen Stubenarrest und einen Ruf wie Donnerhall ein: Ich war das Killer-Bunny, ich war die Maus die SCHRIE, dass selbst den Tigern das Blut in den Adern gefror.

Ein klein wenig erschrocken war ich schon (Oops - war ICH das??), aber in erster Linie doch mächtig von mir selbst beeindruckt - das schlechte Gewissen kam erst viel, viel später.
O. hat nie wieder ein Wort mit mir gesprochen.

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Donnerstag, 25. Februar 2010

Britta hinter den Spiegeln

... häßliches Entlein - sterbender Schwan

Die "Parzivalerina" ging mir noch erstaunlich schnell von der Hand. Hier nun die Fortsetzung - hat jetzt doch länger gebraucht, als ich gedacht hätte. Ich bin nicht sicher, ob ich die anfängliche Stringenz beibehalten kann, werde wahrscheinlich doch gelegentlich Episoden aus der Zeit bis elf anfügen müssen - je länger ich über all den alten Kram nachdenke, desto mehr kommt da wieder hoch. Ich will dennoch versuchen, einigermaßen chronologisch und übersichtlich zu bleiben.

War das Leben bisher schon verwirrend und kompliziert, so verschärfte sich das mit Eintritt ins Gymnasium und allmählich einsetzender Pubertät erheblich. In der Grundschule hatte ich meine Nische, die Mitschüler hatten sich über die Jahre an mich gewöhnt und ließen mich weitgehend in Ruhe - in der neuen Klasse mußte die Hierarchie neu ausgefochten werden, Kleidung wurde doch langsam wichtiger, sozialer Status auch.
Meine Mutter hatte immer noch recht wenig Geld, kaufte daher eher preisgünstige und zweckmäßige Sachen, Gott sei Dank aber auch nichts Auffälliges mehr, was mich hätte bloßstellen können.
Hatte ich mich bis dahin mit Händen und Füßen gegen Mädchensachen gewehrt (nicht, weil sie mir etwa nicht gefallen hätten!), wurde mir jetzt langsam bewußt, dass mein persönlicher Geschmack doch sehr von dem der Jungs abwich. Ich fand über die Maßen spannend, was die Mädchen so anhatten, entdeckte, dass es Leute wie David Bowie, Bryan Ferry und Brian Eno gab, die mit Geschlechterrollen und -klischees spielten.
Mein Zimmer tapezierte ich aber dann doch lieber mit Alice-Cooper-Postern - ehe noch jemand auf komische Ideen gekommen wäre.

Körperlich tat sich bei mir nicht viel. Ich war und blieb kleiner, zierlicher und unsportlicher als die meisten meines Jahrgangs und war entsprechend unpopulär. Ein komisch undefinierbares häßliches Entlein.
Laufen konnte ich allerdings. Und Weitspringen - typisches Fluchttier eben. Das rettete mir manches Mal mein knochiges Hinterteil, weil ich zwar körperlich nicht viel zuzusetzen, aber einen unverhältnismäßig frechen Schnabel hatte. Gefääährliche Kombi.

Ungefähr um die Zeit muß ich auch den Begriff "schwul" aufgeschnappt haben - etwas offenbar extrem Schlimmes, das mit effeminiertem Verhalten und Auftreten einherzugehen schien. Mir schwante Böses.
Entsprechend überaufmerksam beobachtete ich mich selbst, fand bei mir aber keine auffällige Präferenz für Jungs. Mädchen interessierten mich allerdings so rein erotisch genauso wenig. War wohl eh noch ein bißchen früh, weil ich erst mit etwa zwölf erste Anzeichen pubertärer Veränderung zeigte.
Diese an sich schwere Krankheit nahm bei mir ohnehin einen recht sanften Verlauf: kaum Akne, keine seltsamen aggressiven Anwandlungen, nur spärlich sprießende Körperbehaarung - noch ein Grund mehr, den Sportunterricht zu hassen. Dort nämlich wurden körperliche Fortschritte akribisch beobachtet und kommentiert.
Ich blieb bis etwa 16 äußerlich mehr oder minder Kind - jedenfalls im Vergleich. Selbst ein richtig amtlicher Stimmbruch blieb mir erspart. Die Stimme wurde unmerklich ein wenig dunkler, das war's. Während die anderen mit erfundenen oder tatsächlichen ersten Erfahrungen prahlten, tat sich bei mir bis auf eher zaghafte Küsse und Herumtasten unter anderer Leute Blusen auf Klassenfeten nix.

Meine Mom, die nur halb so alt wie mein Vater, hübsch und hedonistisch war, ließ es in den Jahren zwischen Scheidung und zweitem Gatten ziemlich krachen - in den ausgehenden 60ern, anbrechenden 70ern ging die Post mächtig ab.
Eines Tages erwischte ich sie mit einer anderen Frau im Bett - was meinem persönlichen Erotikon einen weiteren verstörenden Begriff hinzufügte: "lesbisch"!
Mein Gott - was es alles gab! Sexualität war ganz offensichtlich ein brandgefährliches Minenfeld.
Das Brittalein begann unterdessen, Mamis Kleiderschrank und, wenn sich die Gelegenheit ergab, die von Freundinnen oder Verwandten zu untersuchen, weil das Bedürfnis, herauszufinden, wie es sich in den Schuhen der Hälfte der Menschheit lebt, der sie sich immer deutlicher zugehörig fühlte, drängender wurde.
Dabei galt es mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen: Die Vorstellung, erwischt zu werden, gehörte zu den schrecklichsten Ängsten meiner Kindheit und Jugend.
Diese Mischung aus Angst und Wohlgefühl war aufregend, weshalb ich mich zuerst eher für einen Transvestiten (noch so ein frischentdecktes komisches Wort!), denn für transident hielt. Ich strich über Brüste, die sich nicht entwickeln wollten, klemmte, was sich schließlich doch ein wenig entwickelte, zwischen die Beine und betrachtete meine nun glatte, geschlechtslose Front, kokettierte mit dem androgynen Wesen, das mir da aus dem Spiegel deutlich entspannter und gelöster als im Alltag entgegenschaute. Das war durchaus so etwas wie Sexualität - Sex mit dem Menschen, den ich trotz aller Unzulänglichkeiten und Widersprüche am meisten liebte, dem allein ich vertraute, der meine geheimsten Geheimnisse, meine verborgensten Wünsche kannte - Mir.

Meine Mutter arbeitete von früh bis spät, ich war viel allein, wollte allein sein, ich las, verschlang Bücher, fraß Wörter, weil ich wußte, dass Sprache wie ein Schwert sein kann. Ein Schwert, das zu führen gelernt sein wollte, das es zu schleifen galt, meine einzige Waffe in einer bedrohlichen Welt voller Wölfe.
Meine schulischen Leistungen litten - naturwissenschaftliches Interesse ging mir völlig ab, Englisch und Latein waren zeit- und lernintensiv, Sport schwänzte ich, wann immer es ging - einzig in Deutsch und Geschichte war ich brilliant, und an Kunst hatte ich Spaß.
Mit meinem Vater wurde es dadurch schwieriger - wenn aus mir schon kein ganzer Kerl zu werden versprach, hätte er wohl wenigstens Erfolge in der Schule erwartet. War ich bei ihm, konnte ich mir endlose Vorhaltungen anhören oder wurde seinem Abhärtungs- und Körperertüchtigungsprogramm unterzogen, was so rein gar nicht fruchtete und nur zu weiteren Vorhaltungen führte.
Der einzig lustige Bestandteil war die Möglichkeit, Schießen zu lernen - mein Vater hatte berufsbedingt jede Menge Knarren und Britta fand das spannend; wohl nicht zuletzt, weil sie dafür echtes Talent aufwies.
Zuerst mit dem Luftgewehr auf Scheiben, Flaschen und Dosen, dann mit Walther PPK und Kleinkalibergewehr auch auf bewegliche Ziele. Einzig für die schweren Schrotflinten war ich mit meinen elf Jahren noch zu fragil.

Hauptbestandteil des recht simplen väterlichen Weltbilds war die Unterteilung in "nützlich" oder "schädlich". Maulwürfe verwüsteten den Rasen, wurden also gnadenlos mit Gift, Fallen oder Spaten eleminiert, Kreuzottern waren giftig und deshalb ihres Lebens in direkter Gartennähe nicht sicher, Spatzen machten Krach und fraßen den melodischeren Singvögeln das Futter aus dem Vogelhäuschen, während Drosseln zwar schön sangen, aber meines Vaters Vorliebe für Erdbeeren teilten, weshalb der den Garten zur drosselfreien Zone erklärte und das Brittalein dazu anhielt, dem nutzlosen Kroppzeug mit Pulver und Blei den Garaus zu machen.
Das tat sie dann auch brav, die Ellbogen bequem auf dem Schlafzimmerfensterbrett aufgestützt, durchs Zielfernrohr die Umgebung nach potentiellen Opfern scannend, weil es für jeden erlegten Schädling Anerkennung und eine Mark Blutgeld einzuheimsen gab.
Gewissensbisse hatte ich keine - die Viecher fielen ja einfach nur tot um und sahen auch aus der Nähe betrachtet nicht besonders anders aus als zu Lebzeiten: Ein- und Ausschuß hinterließen nur verwuschelte Stellen im Gefieder mit ganz wenig Blut.
Meiner Mutter erzählte ich davon nichts - die war Kriegskind und pädagogisch ambitionierte Kindergärtnerin, haßte Kriegsspielzeug und sinnloses Töten und ließ mich, als ich ihr schließlich doch davon sprach, monatelang nicht mehr zu meinem Vater.

Meine eigene Haltung änderte sich schlagartig, als ich eines Tages durch die Zieloptik zwar Federn stieben, den Spatzen aber gleichwohl auffliegen sah. Mein Vater meinte, ich hätte ihn verfehlt, ich aber sah ihn in etwa 100 Metern Entfernung am Waldrand niedergehen und bestand eigensinnig darauf, nachschauen zu laufen.

Spatzen sind mit ihrem graubraunen Gefieder zwischen trockenem Laub und Gras eigentlich nicht auszumachen - ich fand ihn dennoch, weil er just in dem Augenblick als ich eintraf, ein letztes Mal mit den Flügeln schlug.
Ich SOLLTE ihn wohl finden...
Jedenfalls nahm ich das kleine Tier vorsichtig in die Hand und sah zum ersten Mal und mit maßlosem Entsetzen, was ich vorher dutzendfach gedankenlos angerichtet hatte: Der Vogel war nicht nur einfach mausetot - er sah auch so richtig scheiße tot aus!
Die Kugel muß auf Höhe des Brustbeins eingedrungen sein, hatte Bauchdecke und große Teile der Eingeweide, sowie ein Beinchen weggerissen, das zweite hing nur noch an einer einzelnen Sehne. Wie das Tierchen mit derartigen Verletzungen überhaupt noch hatte fliegen können, ist mir bis heute ein Rätsel.
Ich war total erschüttert: Hatte wirklich ICH das getan?? Als ich wenig später zum ersten Mal Eschenbachs "Parzival" las, berührte mich die Szene, in der die Mutter ihn fassungslos um den mit dem Bogen erlegten Vogel trauernd findet, besonders stark.

Mein Vater war anfänglich ob der erfolgreichen Nachsuche begeistert, gab mir eine Mark extra, wurde dann aber mächtig sauer, weil ich nicht aufhören konnte zu flennen und ihm beschied, dass ich fortan nie, nie, niemals wieder auf Lebendiges zu schießen gedächte.
Zurück bei meiner Mom MUSSTE ich einfach davon erzählen. Die rief sofort meinen Vater an und kriegte sich furchtbar mit ihm in die Haare, weil er in keiner Weise einsehen mochte, dass man Elfjährige nicht zum Töten anhält und seinerseits Gift und Galle spuckte, weil meine Mutter mich seiner Meinung nach zum Waschlappen erzöge.
Jedenfalls mußte er fortan selbst die heimische Tierwelt dezimieren, schleppte mich aber noch mit zur Jagd, wo ich mich wenigstens als Treiber nützlich machen sollte. Das hatte erst ein Ende, als ich Zeuge wurde, wie einer seiner Spießgesellen einem Hasen die Hinterläufe wegschoß, und er dem wie ein Kind schreienden Tier (und Hasen schreien LAUT!) mit meinem Treiberstock den Schädel einschlagen mußte, was erst nach drei-vier Hieben gelang.
Ich übergab mich in hohem Bogen, was mein Vater hochgradig blamabel fand.
Von da an durfte ich mit Stiefmutter und kleiner Halbschwester das Haus hüten, wenn er seinen Mords-Spaß hatte.

Meine Mutter blieb eine ganze Weile voll des gerechten Zorns - aber ein wenig gaben ihr die Vorwürfe schon zu denken: hatte sie früher meine Mädchenhaftigkeit niedlich gefunden (entschädigte sie ein wenig für die Tochter, die sie nie bekommen hat), meinte sie nun, ein wenig Sport und etwas männlichere Interessen könnten mir nicht schaden.
Was?? Sport?? Little Me?? Never! Voltegiert hätte ich gerne - das aber war teuer und damals noch mehr als heute ein ziemliches Mädchen-Ding... Oder Tanzen vielleicht? Als eine Sportlehrerin an der Schule eine Tanz-AG anbot, in der sie auch Ballet zu unterrichten versprach, war ich sofort Feuer und Flamme.
Neben mir ließ sich nur noch ein weiteres XY-chromosomales Zellhäuflein auf dieses Wagnis ein - und so hüpften wir mit einem Schwarm Mädchen um die Wette, was zwar furchtbar Spaß machte (und Brittalein war da doch tatsächlich mal richtig gut!), aber auch nicht eben dazu beitrug, mein Ansehen bei meinen Mitschülern zu stärken, die sich an den Turnhallenscheiben die Nasen plattdrückten und sich köstlich ammüsierten. "Sterbender Schwan" war einer der noch witzigeren Kosenamen, die mir die nur wenige Monate währende Eskapade eintrug.
Weil meine Eltern aber weiter quengelten, ging ich schließlich zu den Pfadfindern: Zelten, Feuer zu machen und darauf dann zu kochen, fand ich cool. Mädchen hatte es da auch und ich kam erstaunlich gut zurecht.

Gar nicht zurecht kam ich hingegen in der Schule: Was mich nicht interessierte, wurde hartnäckig ignoriert, was Lernaufwand erforderte, fiel mangels Zeit und Lust hinten runter - ich war vollauf mit meinen inneren Welten beschäftigt, oder damit, Mitschüler und Lehrer mit meiner sich ständig selbstnachschärfenden Zunge in den Wahnsinn zu treiben.
Bis zur Quarta wurstelte ich mich noch irgendwie so durch - in der Achten aber ging ich dann mit Pauken, Trompeten und vier wohlverdienten Fünfen glorios den Bach runter.

Hätte mir eine Lehre sein können, war es aber nicht: Als das Halbjahreszeugnis ähnlich katastrophal zu werden versprach und die Rückstufung in die Realschule drohte, schleppte mich meine Mutter, die sich langsam nicht mehr sicher war, ob sie da nun eine hoffnungslose Doofbratze oder bloß ein stinkfaules Stück aufzog, zu einem Kinderpsychologen, um meinen Geisteszustand überprüfen zu lassen.
Der Test dauerte drei Nachmittage, war lustig, und zeitigte ein Ergebnis, dass man mir erst verschweigen wollte, dann aber doch mitteilte: 35 über'm Durchschnitt, nur 17 vom alten Einstein entfernt und mithin mehr als genug, um sich zum Abi zu mogeln, wenn man nur wenigstens mit einem halben Ohr dem Unterricht zu folgen bereit wäre.
Stinkfaul, renitent und lernunwillig also.
Das Familiengericht tagte und verurteilte das Brittalein einstimmig zu einer zeitlich nicht begrenzten Haftstrafe in einem Internat an der Ostseeküste.
Der fiel in ihrer kindlichen Einfalt natürlich nix besseres als "Hanni und Nanni" ein, weshalb sie sich auf diese aufregende Veränderung geradezu freute.

Los gings mit zwei Koffern, Bettdecke, Kopfkissen und Kuscheltier(!) - raus aus dem Feuer, geradewegs in die Bratpfanne!
Das Internat erwies sich als Ansammlung schmuckloser Gebäude nebst Kapelle direkt an der Strandallee - das Zimmer, in das sie mich steckten, war fast militärisch karg möbliert und von fünf anderen 13 bis 15-jährigen Drop-Outs bewohnt, die mich mißtrauisch musterten. Gleich in der ersten Nacht konnte ich dreimal mein Bettzeug im Vorgarten aufsammeln gehen, das die Widerlinge aus eben dem Fenster geworfen hatten, aus dem wenige Wochen zuvor mein Vorgänger gesprungen war, weil er die fortgesetzten Quälereien nicht mehr ertragen mochte.
Ein Sprung aus dem ersten Stock reicht selten, um sich den Hals zu brechen - für einen Beinbruch langte es aber und erfüllte so seinen Zweck: Heimatschuß quasi.
Mädchen gab es zwar auch, die wurden aber im "Mädchenhaus" unter Verschluß gehalten, während man mich ins "Alte Jungenhaus" pferchte (es gab noch ein "Neues Jungenhaus", ein "Haus an der Timme" und die putzige Kapelle, in die man uns dreimal die Woche zur Andacht trieb).

Britta, das schlaue kleine Ding, merkte schnell, wie der Hase lief, nahm Abschied von Hanni-und-Nanni-Phantasien und Kuscheltier (Hallo?? Ich war 14! Da geht so was nun wirklich gar nicht mehr!) und beschloß, sich von den doofen Jungs nicht unterkriegen zu lassen.
Die wiederum schlugen sie in der ersten Zeit oft genug windelweich - bis sie merkten, dass sie sie zwar mühelos vermöbeln konnten, aber anschließend so hartnäckig, nachtragend und zunehmend skrupellos von ihrer Revolverschnauze unter Feuer genommen wurden, dass sie bald keiner mehr mit der Kneifzange angefaßt hätte.

Das häßliche Entlein mauserte sich, wurde indess nicht zum Schwan, sondern mutierte zum giftig schillernden Reptil, zur präventiven Giftspritze, die Angriff für die beste Verteidigung hielt, nicht länger Opfer sein wollte und lieber andere trat, als selbst getreten zu werden.

Der Schwan, der ich hätte werden wollen, starb - was gut war in mir mußte sterben, wenn ich leben wollte.

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Freitag, 12. Februar 2010

Reasons to be Cheerful

- oder: wie einfach es doch ist, das Brittalein glücklich zu machen!

Bereits am 5ten Februar überraschte die wunderbare Lily mich mit einem quietschrosa Award!
Das war mein erster - und den vergißt man ja bekanntlich nie!
Seither brüte ich über der damit verbundenen Aufgabe, alle Welt wissen zu lassen, was mir ein seeliges Lächel aufs Gesicht zu zaubern im Stande ist.
Zehn Gründe gilt es zu nennen - und weil ich die nicht in eine Rangordnung stellen kann und will, führe ich sie in zufälliger Zusammenstellung und ohne Nummer auf:

• Worte finden. Wobei es mir gleich ist, ob ich sie selbst schöpfe oder kreativ aneinanderreihe - oder sie in Büchern, Filmen, Blogs oder Gesprächen auflese. Besonders schöne Exemplare stopfe ich in die dafür vorgesehene Schachtel zur gefälligen Weiterverwendung oder gelegentlichen Betrachtung.
Dem Pathologen zum Beispiel verdanke ich "Laichteile" - das kommt nicht in die Schachtel; das spieße ich mit einer Stecknadel auf ein Korktäfelchen und hänge es mir übers Bett!
Bei Herrn Neon klaubte ich "Prä-letale Beziehung" auf - ein vermutlich schwer recycelbarer Sprachbrocken, den ich gleichwohl sorgfältig verwahren werde. Wer weiß, wofür ich ihn noch mal brauchen kann!
• Schuhe. Nicht sehr originell - ich weiß. Aber Schuhe mag ich wirklich sehr und ich gerate vor Glück schier aus dem Häuschen, wenn ich ein besonders merkwürdiges Paar ergattern kann.
Alex sagt, ich hätte so viele davon, dass ich sie in diesem Leben selbst dann nicht auftragen könne, wenn ich den ganzen Tag auf allen Vieren ginge, somit zwei Paar gleichzeitig trüge... Pah!
• Meine felidoide Lebensgefährtin. Ich bin jeden Morgen aufs Neue beglückt, sie wohlauf und lebendig vorzufinden. Nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass das eigensinnige Fellknäuel seit bald 19 Jahren diese Welt vollfusselt und nicht nur Arthrose, sondern auch eine Nierenschwäche hat.
Spötter behaupten, sie wisse entweder eben einfach nicht, WIE alt sie in Wirklichkeit ist - oder sei lediglich zu faul zum Totumfallen. Quatsch!
• Meine Tochter (Vorsicht! Pathos!). Die ist das Wundervollste, was ich je gemacht habe. Sie aufwachsen zu sehen, sie ins Leben und in diese Welt begleiten zu dürfen, erfüllt mich mit stolzer Dankbarkeit.
• Meine Eltern. Meine Mom und mein Stiefvater waren und sind immer für mich da. Wenn ich bedenke, was ich den beiden im Laufe der Jahre alles zugemutet habe, stehen mir die Haare zu Berge. So viel Liebe, so viel Loyalität - das ist mir nicht selbstverständlich und wird es niemals sein.
• Ludwig van Beethoven. Wenn mir so richtig zum Heulen ist, lege ich die 7te ein. Jeeeesus - kann ich gut dazu flennen! Zum Sterben schön!!
• Mein Mann. Weil er mir den Halt gibt, nach dem ich mich sehne, die Führung, die ich brauche und mir doch genug Raum läßt, mich nicht eingesperrt zu fühlen. Hach, Schatz...
• Mein Garten. Ein kleines Eckchen auf diesem Planeten zu haben, auf dem man Terraforming betreiben und Pflanzen beim Wachsen zugucken kann, empfinde ich als unglaubliches Privileg. Wobei mein gärtnerisches Bemühen mehr darauf zielt, einen Eindruck liebevoller Verwahrlosung zu erreichen, als darauf, akkurate Rabatten und englischen Rasen vorweisen zu können.
• Das-viel-zu-große-Haus - auch liebevoll "Mördermuschel" genannt, weil die Front eine riesige Stuckmuschel ziert. Mördermuschel auch, weil man, wenn man einmal da hineingeraten ist, nicht so leicht wieder herauskommt. Das ist nicht einfach eine Behausung - das ist auch eine altehrwürdige Zeitmaschine: Baujahr 1905, geräumig, hell und großzügig - dabei aber auch von leicht morbidem Charme. Japaner nennten es wahrscheinlich wabi-sabi-mono. Dieses Haus lebt, es umhüllt uns, hält uns warm wie ein Kokon - dafür verlangt es uns aber auch höchste Aufmerksamkeit und große finanzielle Opfer ab.
• Emotion und Erkenntnis. Diese ungleichen Schwestern führen bei mir immer wieder zu erheblichen Glücksgefühlen. Wobei ich die besten Erkenntnisse meinen Emotionen verdanke, Erkenntnisse aber auch häufig zu starken Emotionen führen. Ich habe mich lange nur auf mein Hirn verlassen - seit ich es erfolgreicher mit meinem Bauch synchronisiere, werde ich icher.

Der Sonderpreis geht diesmal an die Pharmaindustrie, die mir nicht nur durch gefährlich depressive Phasen meines Lebens half und gelegentliche Erkältungsbeschwerden linderte, sondern auch meinem Mädchenhirn seit Jahren die Botenstoffe garantiert, die mein Jungskörper ihm verweigert. ;-) 

Oh! Nun gilt es noch, diesen Award, der ja gleichzeitig ein Stöckchen ist, weiterzuwerfen:
Erst wollte ich Sissy damit beglücken (schon, weil das einfach ihre Farbe ist!), dann kam mir aber der Gedanke, dass sie - bei allen Problemchen und Problemem - ein ziemlich glückliches Menschenkind zu sein scheint, dass vielleicht viiiiiel mehr als bloß zehn Gründe, glücklich zu sein benennen könnte.

So geht der Award nach reiflicher Überlegung an Mrs. Mop, die in schwieriger Situation weder Spiel- noch Spültrieb aus den Augen verliert, die Ärmel aufkrempelt und ihr Leben beherzt in die Hand nimmt.
Da kann es nicht schaden, auch immer mal wieder über persönlich Beglückendes nachzudenken und es dann der Mitmenschheit mitzuteilen!
You go, girl! Tritt dem Schicksal in den Arsch, dass der rote Schuh stecken bleibt! :-)))

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Donnerstag, 11. Februar 2010

Parzivalerina

- vom Wald in die Welt

(Heute stieß Alex beim Unterlagensortieren auf das Testament meines Vaters. Darin ist nicht nur der Nachlaß geregelt, sondern auch wortreich beschrieben, was für eine bittere Enttäuschung ich für ihn war. Alex fand das lustig und zitierte fröhlich daraus - und plötzlich war alles wieder da... plötzlich war ich wieder das kleine, unglückliche, verzweifelt auf die Liebe seines Vaters hoffende Kind.
Nachdem ich so ein Stündchen vor mich hin geflennt hatte - der arme Alex wußte gar nicht, was er tun sollte und verzog sich still - beschloß ich, mir das endlich mal von der Seele zu schreiben. Wird wohl länger... und eher in zwei oder drei Teilen)


Als Britta klein war, war sie genaugenommen noch gar nicht Britta. Sie war "Babyspätzchen"... oder "Männlein(!)"... bei ihrem richtigen Namen rief man sie eigentlich nur, wenn Unheil drohte, weil sie mal wieder was angerichtet hatte. Aber so macht man es wohl mit allen Kindern.
Anders als die anderen Kinder lebte sie allerdings mitten im Wald. In einem Naturschutzgebiet im Osten Hamburgs, in einem wunderschönen Blut-und-Boden-Blockhaus, das ursprünglich ein niedriges Grasdach hatte, das sie aber nur noch mit aufgesetztem Stockwerk und Strohdach erinnert. Dieses Haus gehörte zu einem Ensemble ähnlicher Häuser, das in braunen Zeiten so etwas wie ein norddeutsches Wandlitz für die Nazi-"Elite" war, die sich bevorzugt in diese Idylle zurückzog, wenn in Hamburg die Feuerstürme tobten.

Ich bin also in Gauleiter Kaufmanns ehemaliger Datscha aufgewachsen. In einem Graben fand ich einen Stahlhelm der SS-Wachmannschaften, den ich eine Weile als Spielkochtopf benutzte, bis meine Mutter ihn entdeckte und mit spitzen Fingern in den Müll trug.
Weltfern, weitab von allem. Ein wenig wie Parzival.
Nur, dass mein Vater nicht im Heiligen Land gefallen war (wie schade!), sondern nach Dienstschluß und leider auch am Wochenende bei uns vorbeischaute.
Außer meiner Mutter und mir lebten da noch unsere Hauswartsleute und, etwas entfernt, der Forstwart und die Familie des gegenwärtigen Ersten Bürgermeisters. Der und der Sohn des Forstwarts waren etwa vier Jahre älter als ich und die einzigen erreichbaren Gören im Umkreis von acht Kilometern, weshalb ich deren Quälereien (nix Wildes - was ältere Kinder mit Kleineren eben so anstellen) meist klaglos ertrug - außer meinem Hund und meiner Mutter hatte ich sonst wenig Zerstreuung.

Warum ich das alles erzähle? Die seltsamen Lebensumstände der ersten fünf Jahre sind wohl der Grund, warum ich mir nicht allzuviel Gedanken darum machte, ob ich denn nun Fisch oder Fleisch sei... Ich fühlte mich nicht als Junge. Aber irgendwie auch nicht als Mädchen.
Ich war irgendwie so... gar nichts. Ein Kind eben. Ein Kind allein unter lauter Erwachsenen (Harald und Ole, die netten Bullies von nebenan, zählten für mich auch zu den "Großen"). Ich hatte nichts, woran ich mich direkt hätte abgleichen können.
Geschlecht war etwas Abstraktes, äußerlich Anzuwendendes, weshalb ich meiner Mutter auch eines Tages kundtat, dass aus einem Jungen ein Mädchen würde, wenn man ihm nur die Haare nicht schnitte - und umgekehrt.
Alle sagten, ich sei ein Junge, also nahm ich das erst mal einfach so hin. Meine Haare waren ja kurz und als ich dann mit fast fünf im Kindergarten tatsächlich mit echten, anderen Kindern in Kontakt kam, lernte ich, dass Jungs keine roten Strumpfhosen anziehen. Woher hätte ich das wissen sollen? Das wollte ich dann auch sofort nicht mehr, weil ich nicht "anders" sein wollte. Weil ich nicht auffallen mochte,
Ich fand in keiner Weise seltsam, dass mich zwar brennend interessierte, wie man sich als Gretel, Aschenputtel oder König Drosselbarts Frau wohl so fühlen mag, mich aber völlig kalt ließ, wie es den Hänsels, Prinzen und König Drosselbärten dieser Welt erging. Was die umtrieb, war mir nicht bloß ein Rätsel - es erschien mir auch nicht als relevant für meine Erlebenswelt.

Ich muss ein ziemlich seltsames, weltfremdes, introvertiertes Geschöpf gewesen sein.

Mein Vater fand das auch. Er bemühte sich zwar, konnte aber nicht wirklich etwas mit mir anfangen. Ich wollte nicht fußballspielen, mochte weder Autos, noch Technik und saß lieber stundenlang allein in meiner Sandkiste und baute dort kleine Feenhäuser.
Mein Vater fand mich zu weich. Weinerlich, weibisch und versponnen. Außerdem in hohem Maße ehrgeizlos - und ließ keine Gelegenheit aus, mir das auch deutlich zu verstehen zu geben.
Er war eben hochdekorierter Kriegsheld, Ex-Landjunker und Oberforstmeister, und konnte nicht verknusen, dass da vor seinen ungläubigen Augen etwas heranwuchs, das nicht hart wie Kruppstahl oder flink wie ein Windhund zu werden versprach, sondern eher an "Försters Pucki" erinnerte.
Was ja irgendwie auch paßte.
Wahrscheinlich liebte ich diese unsäglichen Bücher deshalb so, als ich endlich lesen konnte.
Oder auch, weil sie eine heile Welt beschrieben, die es für mich allenfalls gab, wenn mein Vater nicht zuhause war.

Ich würde meine Kindheit sicher nicht als über die Maßen "schwer" bezeichnen - er schlug uns zum Beispiel nicht besonders oft und war auch nie betrunken (vermutlich, weil er nüchtern einfach besser traf), verbreitete aber eine Atmosphäre der Angst oder doch zumindest des Unbehagens, die wirklich bedrückend und zermürbend war. Als er meiner Mutter wieder einmal die Nase blutig geschlagen hatte - das obendrein vor meinen Augen und natürlich aus rein pädagogischen Gründen (was vergißt die dumme Kuh auch, das neue Telefonbuch abzuholen?) - hatte die nach acht Ehejahren endlich die Faxen dicke, reichte die Scheidung ein, packte mich und ein paar Koffer und zog hinaus in die weite Welt.

Die weite Welt begann gleich auf der anderen Seite von Hamburg und bestand aus reichlich unansehnlichen Mietskasernen in einem tristen Neubaugebiet, das mir aber neu, aufregend und vor allem: voller Kinder! erschien. Was auch ein bisschen verstörend war... ich war ja bislang menschliche Gesellschaft nur in eher homöopathischen Dosen gewohnt.
Auf der einen Straßenseite hatte es reiche Kinder (dort bauten sie nämlich schnieke Bungalows um einen ehemaligen Baggersee) - auf der anderen, der unseren, lauter fröhliche Unterschichtsgören: Försters Pucki allein unter Wilden!
Die Jungs waren grob und laut, fuhren Fahrrad, Roller oder Kettcar; die Mädchen waren zwar auch laut, aber nicht ganz so grob und spielten so faszinierende Sachen wie Gummitwist und Vater-Mutter-Kind.
Also spielte ich mit denen. Jedenfalls, wenn sie mich ließen.
Ich hatte immer noch keinen rechten Plan, was Jungs von Mädchen eigentlich unterscheidet und vor allem absolut keine Ahnung, was man als Junge tun MUSS, oder besser LÄSST.
Als keine gute Idee zum Beispiel erwies sich, auch Jungen zu einem Puppengeburtstag einzuladen. Nach reichlich Hohn und Spott tauschte ich schweren Herzens Mutters alten Schildkröt-Puppen gegen geschlechtneutrale und weniger übelbeleumundete Stofftiere aus, um ungestörter mein Fürsorgebedürfnis ausleben zu können.
Doof war auch, leider so gar kein Ballgefühl und eigentlich auch nicht die geringste Lust, das irgendwie zu lernen, aufzuweisen. Selbst wenn ich mehr mit Jungs hätte spielen wollen - die fanden mich nutzlos und irgendwie komisch. Ein paar Freunde hatte ich trotzdem: meist unsportlich wie ich oder mit anderen Mängeln behaftet, weshalb sonst keiner mit ihnen spielen wollte.
Bis zum Eintritt in die Grundschule hatte ich nicht wirklich viel begriffen. Naiv und weltfremd wie Parzival in seinem Narrenkostüm dackelte ich nichtsahnend mit frischgekauftem Turnzeug zur ersten Sportstunde.
Schon der von meiner Mutter selbstgenähte karierte Beutel, in dem es sich befand, erregte Heiterkeit (meine Mom hatte wirklich wenig Geld - so war fast alles an mir selbstgenäht, selbstgestrickt und selbstgebastelt). Die Wogen des Frohsinns - natürlich mal wieder auf Brittaleins Kosten - schlugen aber erst so richtig hoch, als ich mich umgezogen hatte - und entsetzt feststellen mußte, dass alle Jungs blaue Turnhosen und weiße Hemden anhatten, die Mädchen hingegen schwarze Unterhemdchen und Höschen aus Feinripp trugen (war damals halt so!) - Britta, deren sparsame Mutter zum billigeren Mädchenzeug gegriffen hatte, leider auch.
SHIT! Ganz blöde Nummer. Und ein weiterer Punkt auf meiner stetig wachsenden Liste geheimnisumwitterter Geschlechtsunterschiede.

Erst etwa zwei Jahre später der nächste Eklat, als Mitschüler mich in der Umkleide spöttisch fragten, ob ich die Unterwäsche meiner Schwester trüge.
Öh?? Nein?? Ich hätte gar keine Schwester, entgegnete ich entgeistert - und endeckte zu meinem Entsetzen, dass, was mir bis dato überhaupt nicht aufgefallen war, alle Jungs - außer mir! - Slips mit diesem typischen Eingriff trugen, wohindurch - wie ich zu meinem Erstaunen erfuhr - es galt, den kleinen Unterschied zu fädeln, wollte "Mann" in stolzem Bogen sein Wasser abschlagen.
Hmm... die Welt war bunt und voller Wunder für das kleine Brittalein, dass es gewohnt war, sich auch fürs kleine Geschäft artig hinzusetzen, weil die Mami nicht nur extrem sparsam war (Mädchenunterhosen waren eben billiger - dafür müssen erwachsene Frauen zur Strafe später goldene Berge für halbwegs tragbare Dessous berappen), sondern auch recht reinlich, aber nicht willens, täglich rund ums Klo zu wischen, wenn es doch sonst keinen Mann im Haus gab, der das Bad großräumig fluten konnte.

Ich blieb volle sechs Jahre mit meiner Mutter allein, bis es der endlich gelang, den besten Stiefvater der Welt zu umgarnen und unserem "Mädelshaushalt" einzuverleiben. Bis dahin blieb ich, die ich mich allenfalls alle paar Wochen auf die große Reise zu meinem allein im Wald zurückgelassenen Vater machte, von männlichen Rollenvorbildern verschont.
Zu dem Zeitpunkt, mit elf etwa, konnte ich Kochen, Putzen, Backen und mit der Nähmaschine umgehen, hatte aber nicht die geringste Ahnung, wie man ein Fahrrad flickt oder einen Nagel in die Wand schlägt.

(Wird fortgesetzt. Bilder kommen noch, müssen aber erst gescannt werden. Und die zehn Dinge, die mich glücklich machen, habe ich nicht vergessen - die liefere ich nach)

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Montag, 8. Februar 2010

Rap-Huhn rockt!

- völlig ausser der Reihe ... 

Heute morgen wäre ich beim Stöbern in des Rasenden Rebhuhns Blog fast eines jähen Todes gestorben - die Koffeinassimilation nahm einen gänzlich unerwarteten Verlauf...
Deshalb hier zur Strafe ein Bild, dessen weitere Verwendung ich mir gut als hiermit neugeschöpften Award für herausragende Schusseligkeiten vorstellen könnte:


Aber vermutlich müßte ich mir den eh permanent selbst verleihen... *seufz*
Genaugenommen habe ich das seinerzeit MIR zu "Ehren" gebastelt, als ICH mal wieder überaus guten Grund hatte, an meinen intellektuellen Fähigkeiten zu zweifeln. Was das genau war, sage ich nicht - ich krieg nämlich heut' noch rote Ohren, wenn ich nur daran denke.

Frau Rebhuhn - Sie haben mir den Tag (und, weil ich meinen Kaffee mit Zucker zu nehmen pflege, einen nicht unerheblichen Teil meiner Bronchien!) versüßt.
Betrachten Sie sich also als erste Trägerin des

"Schusseln muss das! - Ordens" 

mit Eichenlaub, Schwertern und Rückholbändchen 
- quasi ein "Darwin-Award-light" für Überlebende.

Fühlen Sie sich herzlich eingeladen, dieses Bildchen, dessen Copyright bei mir liegt, anderen würdigen Aspiranten und Aspirantinnen um die Ohren zu hauen! *strahlt generös*

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Sonntag, 7. Februar 2010

Weltpuschligkeitstag ...

- bloggosphärische Stilblüten

Beim Wandern durch die wunderbare Welt virtuellen Wahnsinns stieß ich auf Frau Fellmonsterchen und ihren aufopferungsvollen Kampf für mehr Flausch im Alltag.
Da scheine ich doch wahrhaftig über eine Schwester im Geiste gestolpert zu sein, die nicht nur, gleich mir, bekennende Flausch-Fetischistin, sondern auch frischgebackene Award-Inhaberin ist.
Ich nämlich bin seit vorgestern gleichfalls stolze Besitzerin eben dieser cup-cake-cuten Köstlichkeit, die ich der von mir sehr verehrten Lily verdanke! *stolzguck*

Nein, echt: Award is Award is a Wahnsinn - ich brüte schon die ganze Zeit nicht nur über der Frage, welcher Bloggerin (einem Mann brauch ich mit dem Ding wohl eher nicht zu kommen...) ich diesen quietschrosa Wanderpokal auf's Auge drücken kann, sondern auch über der damit verbundenen Aufgabe, zehn Dinge zu benennen, die mich glücklich machen (Nein, Schatz! Noch einmal deutlich und in aller Öffentlichkeit: ich will NICHT zehnmal immer nur das Eine - ein ganz klein wenig on top erwarte ich mir schon vom Leben! *bg*).

Aber zurück zum Wesentlichen: zum Weltpuscheligkeitstag!

Deshalb hier und heute ein Bild, das zwar schon über zehn Jahre alt, aber immer noch fester Bestandteil meiner Favoriten ist. Ich möchte betonen, dass ich - attestierte Kitschqueen hin oder her - SO natürlich selbst in den späten 90ern NICHT einfach so herumgelaufen bin (was bei der Jacke immer die Gefahr geborgen hätte, einem Hundefänger ins Netz zu geraten), das Outfit vielmehr als Hommage an die Spice Girls gedacht war, die ich - was mir heut' auch ein bissi peinlich ist - damals sehr gemocht habe.
Zigazig ha!!! :-))








Auch kamen mir aus diesem Anlaß meine Vintage-Retro-Yeti-Après-Ski-Stiefel in den Sinn, die ich auch sogleich gesucht und gefunden habe: Now - ain't THAT puschelig???

Die sind original roaring 70ties, aus Tibetziegenfell und leider von kreisrundem Haarausfall (nicht etwa Testosteron-, sondern entsetzlicherweise MOTTENbedingt! *kreisch*) befallen - was aber gar nicht wirklich auffällt.
Wer nun denkt, dass derlei Schuhwerk genau das Richtige für stundenlange Winterspaziergänge sei, irrt: Die eignen sich allenfalls für's dekorativ vor Skihütten herumlungern und Jagerlteeschlürfen. Schon nach kurzer Zeit verwandeln die sich nämlich in massive Eisklötze, die das Vorankommen zu einer reichlich unbeholfenen Angelegenheit machen... *seufz*



Und wo wir gerade bei unsäglichen Geschmacksverirrungen sind und mir ja bekanntlich NIX fies ist:

Diese Beauties, die zwar wohlig-warm und suuuper-gemütlich, aber eigentlich nicht ungeschützten Auges zu ertragen sind, habe ich mir weiland extra aus Neuseeland (gewachsenes Lammfell! Gibt - so rein puschenmäßig - nix besseres!) kommen lassen, weil die in ganz Europa nicht zu kriegen waren.
Doris Day würde sie mir gewiss von den Füßen reißen. Die stutenbissige Kuh! ;-))
Weil die so schwer zu kriegen sind, trage ich sie nur an hohen, kirchlichen Feiertagen... für die tägliche Fron habe ich die noch mal in himmelblau. Schon entsprechend abgeliebt - das Los aller Kuscheltiere. *grins*





Und eigentlich völlig off-topic, aber eben auch sooo waaay cuuute:
Der jüngste Geniestreich der Nagelfee!

Très Chic, was?? Alex ist natürlich mal wieder der Verzweifelung nahe und geht mit mir nur noch vor die Tür, wenn ich Handschuhe trage... :)=)
*strahlt wie Honigkuchenpferd*
















So. Das gilt es jetzt ja erstmal alles zu verarbeiten.
Meine 10 Reasons-to-be-Cheerful (und auch die nächste Glückliche, die sich zur Freude der Gemeinde öffentlich entblättern darf) stelle ich nächster Tage ein! :-)

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Mittwoch, 27. Januar 2010

Prinzipiell Eva ...

Educating Britta - Lektion 2

"Wer sich nicht wehrt - kommt an den Herd!"
steht auf einer Kachel, die Brittas Kochstelle schon zierte, als Alex noch nicht in ihr Leben getreten war.

Dieser ursprünglich gar nicht so lustige Slogan der Frauenbewegung findet sich mittlerweile auf allerlei launigen Grußkärtlein, muß sogar als lind'scher Buchtitel herhalten und war das Geschenk einer Freundin, die sich eigentlich nicht viel dabei gedacht hatte.
Seit Britta doch erheblich mehr Zeit quasi Aug in Aug mit dieser bösen Kachel verbringt, erhält die keramikgewordene Aussage viel von ihrer ursprünglichen Brisanz zurück.
Alex ißt zwar gern, kocht aber lausig, was er aber jetzt natürlich auch nicht mehr muss.
Britta hingegen hat immer gern gekocht, kann das auch halbwegs zufriedenstellend, spürt jetzt aber, da da die Kür der täglichen Pflicht gewichen ist, doch gelegentlich die damit einhergehende Last.

Heute kocht Britta Rosenkohl - ein Gemüse, dass sie selbst mit Inbrunst verabscheut, aber der Abwechslung halber und weil Alex das gerne mag, murrend und knurrend eingekauft hat.
Soll ja auch gesund sein - angeblich hat der Erfinder des Zeugs da irgendetwas reingetan, was freie Radikale bindet.
Britta - auch eine ehemals freie Radikale - bindet sich die Schürze um und macht sich mißmutig ans Werk.

"Oh - Rosenkohl!" sagt der beste aller Gatten, als er mal wieder in der Küche vorbeischaut und nickt beifällig.
"Jaaa... ätzend... nur wegen DIR!" kann sich Britta nicht verkneifen, die seit gefühlten drei Stunden (werden wohl so 20 Minuten gewesen sein) an den winzigen Kohlröschen herumschnippelt.
"Hätteste ja nicht kaufen MÜSSEN..." - Hmm... da hat er Recht. Das ist, genaugenommen, wieder so ein Fall vorausheulenden Gehorsams, bei dem Britta sich in letzter Zeit des öfteren ertappt.

Beim Essen kommen wir irgendwie auf Eva Herman.
Als Buch, Diskussion und anschließender Rauswurf noch frisch waren, haben wir uns beide - natürlich ohne uns der Mühe zu unterziehen, das Buch zu lesen - über die Autorin und ihre anachronistisch anmutende These lustiggemacht. Wir waren uns einig, dass eine Frau, die eine beeindruckende Karriere hingelegt hat, nach drei ruinierten Ehen mit gerade mal einem Kind (dem bezeichnenderweise in öffentlichen Foren Drogenkonsum unterstellt wurde - spannende Theorie angesichts der Tatsache, dass der Bengel in diesem Jahr gerade mal 13 werden wird) nicht eben als leuchtendes Beispiel für zukünftige demütig-glückstrahlende Heimchen am Herd durchgehen könne.
Alex steht auch noch voll und ganz hinter seiner damaligen Meinung - ich aber stelle fest, dass mir die kategorische Ablehnung nicht mehr ganz so locker von der Hand geht.
Liegt das vielleicht daran, dass sich meine Lebensrealität doch deutlich stärker geändert hat?
Alex tut ja im Wesentlichen, was er immer schon getan hat: Arbeit hat höchste Priorität, Kinder und Haushalt subsummieren sich irgendwie und können jetzt endlich ziemlich vollumfänglich delegiert werden. Erkauft wird das mit noch mehr Arbeit und größerer Verantwortung, ruft natürlich auch eine verstärkte Auseinandersetzung mit der männlichen Rolle und zunehmende Indentifikation damit hervor.
Mich aber scheint der vollzogene Paradigmenwechsel doch mehr in Mitleidenschaft zu ziehen: Ich beobachte bei mir ja schon seit längerem einen verwirrenden Wertewandel, der mir unter anderem die herman'schen Thesen als auf einmal gar nicht mehr sooo absurd erscheinen läßt.

Alexianischer Rest-Feminismus (auch vielleicht ein von mir unterstelltes schlechtes Gewissen in Bezug auf eine nicht zufriedenstellend ausgefüllte Mutterrolle) und mausiologische Neo-Häuslichkeit prallen fröhlich aufeinander, derweil mein Mann den zartgedünsteten (Ha! Bißfest!) und anschließend liebevoll mit Käse überbackenen Rosenkohl verschlingt (guuutes Rezept - so bekam selbst ICH das Zeug einigermaßen herunter!).

Je mehr wir uns also in unsere jeweiligen Positionen hineinsteigern, desto auffälliger wird, dass wir seinerzeit erschütternd unreflektiert die damals vorherrschende Medienmeinung übernommen haben, weshalb wir nach dem Essen, jeweils vor unseren Rechnern grummelnd, die tatsächlichen Begebenheiten zu recherchieren versuchen.
Schnell - und relativ einhellig - wird uns klar, dass die Herman damals regelrecht öffentlich exekutiert wurde. Die berüchtigte Kerner-Sendung, in deren Verlauf sie schließlich wie ein unartiges Kind des Studios verwiesen wurde, findet sich - teilweise erhellend kommentiert - im Netz.
Erstaunlich, wie ein biederes Ratgeber-Büchlein, das doch eigentlich auf der sonst nicht wirklich einer kritischen Betrachtung unterzogenen Mars-Venus-Zuhör-Einpark-Welle daherdümpelt, zu so geradezu haßerfüllten Reaktionen führen konnte...
Oder doch nicht so erstaunlich, weil Feministinnen den damals eingeschlagenen Weg, der längst von der erkämpften Option zum Imperativ geworden ist, als doch nicht sooo richtig befriedigend empfunden haben, sich das aber nicht so recht eingestehen mögen??
Bellen da getroffene Hunde? Oder geht es tatsächlich um berechtigte Sorge vor einem Roll-Back, der mühsam Errungenes in Frage zu stellen droht?

Das fragt man sich doch - als bundesdeutsche Hausfrau.

Alex fragt sich das natürlich nicht und interpretiert Textauszüge und von Herman verfaßte Artikel SO anders, dass ich an meiner Wahrnehmung zu zweifeln beginne...
Ich meine - die Situation ist doch an Absurdität kaum zu überbieten: Da sitzen eine manngeborene Nur-Hausfrau und ein fraugeborener Voll-Jurist und kriegen sich fast über ein Buch in die Wolle, das die Freuden naturgegebener Mutterschaft besingt!
ER tobt, dass eine Frau gefälligst arbeiten gehen solle (Aha! Und WARUM darf ICH das dann nicht??), weil 40 Jahre Emanzipation und der aufopferungsvolle Kampf unzähliger Frauen sie dazu in den Stand gesetzt hätten, während SIE vor Mitleid mit ihrer gescholtenen Geschlechtsgenossin fast zerfließt und darauf pocht, dass Hausarbeit und Kindererziehung in dieser Gesellschaft viel zu wenig Ansehen genössen, ja - schon fast ehrabschneidend geringgeschätzt würden.

Ganz großes Kino!

Für mich in diesem Zusammenhang besonders interessant: Alex behauptet, dass die von Kerner geforderte Entschuldigung das Diskussionsklima entspannt und Frau Herman den beschämenden Rauswurf erspart hätte. Auf meine Frage, ob er denn auch von einem MANN eine derartige Goodwill-Entschuldigung verlangt hätte, guckt er mich mit großen Augen an. Also nicht.
Hmmm... Das ist ja putzig: Von Frauen wird Konzilianz bis zur Selbstverleugnung erwartet, damit man sich überhaupt mit ihnen auseinandersetzt? Sie sollen sich ruhig schon mal vorauseilend entschuldigen - auch und gerade, wenn wie in diesem Fall so überhaupt kein Grund dafür besteht - am besten offenbar für ihre ganze nichtswürdige Existenz? Im Gegenzug wird ihnen dann - eventuell! - die Gnade zuteil, dass ihr Standpunkt einer etwas objektiveren Betrachtung unterzogen wird?

"Tja", sagt Alex, "ENTWEDER mit den großen Jungs im medialen Haifischbecken plantschen - dann aber nicht quengeln! ODER zurück an den Herd, wie sie es in ihrem Machwerk als so erstrebenswert anpreist - und dann erst recht die Pappen halten!"
Das nimmt sich Britta jetzt leicht verschüchtert zu Herzen und sagt lieber nix.

"Ist doch wahr!" brummt Alex schließlich.
"Ja, Schatz...wenn du es sagst..." seufze ich... :-/

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Montag, 11. Januar 2010

Fundstücke …

Dinge, die die Welt nicht braucht?

Aufgewiegelt Angeregt durch Frau Putzblues begebe ich mich auf einen ausgedehnten Fischzug durch die Weiten des Welt-Weiten-Wahnsinns, eigentlich auf der Suche nach archaischen Werbespots, bald aber schon - wie immer heillos konfus - dieses und jenes betrachtend.
Anlass, wie gesagt, boten Perlen kommerziellen Mitteilungsbedürfnisses, wie sie hier zu betrachten sind, wobei ich sagen muss, dass es mir der Frauengold-Spot ganz besonders angetan hat, weshalb ich mich nicht entbrechen kann, meinerseits eine solche Preziose beizusteuern:



Unglaublich, oder?? Wiki verriet mir, dass der Stoff, aus dem in den 50ern die patriarchalen Träume waren, 1981 verboten wurde, weil er neben fröhlichen 16,5 Volumenprozenten auch allerlei stimmungsaufhellende Kräutlein enthielt, die leider ein wenig krebsfördernd gewesen zu sein scheinen.
Einer der Slogans war: "Durch eine Kur mit Frauengold wirst du glücklich gemacht - und glücklich machen!" – Stepford lässt grüßen!

Fügsamkeit in Flaschen – ob man davon heute noch Restbestände bekommen könnte??

Noch ein wenig unter Schock fällt mir ein, dass ich einst in einem Web-Shop für gehobenen Haushaltsbedarf herzallerliebste Gummihandschuhe entdeckt hatte und googel die mal schnell:

Handschuhe-2

Ich meine – das verleiht doch selbst profanstem Urinstein-Entfernen eine fast mondäne Note?? Ich finde die so süß, dass es fast schon an den Zähnen wehtut!

Mittlerweile trudel ich wie nach heftigstem Frauengold-Missbrauch durchs Netz und stoße auf ein weiteres Gimmick, dass eigentlich in keinem Haushalt fehlen sollte:

Putzschuhe

Diese Chimäre aus Puschen und Wischmopp ist doch wirklich zu und zu praktisch! Kein unnützes Hin-und Herhuscheln mehr – jeder Schritt ein Meilenstein auf dem beschwerlichen Weg zu einem sauberen und behaglichen Heim! Und ist man als Hausfrau nicht irgendwie sowieso ständig auf der Wanderschaft?
Man beachte die inwändigen Massagenoppen, die den Kreislauf auf Trab bringen und zu weiteren hausfraulichen Höchstleistungen anspornen!
Auch hier wieder ein Design, dass uns gar nicht erst auf den absurden Gedanken kommen läßt, von unserem Gatten ernstgenommen werden zu wollen.

Nee, wirklich – auch wenn die Emanzipation schon beachtliche Breschen ins patriarchale Bollwerk geschossen hat – so lange es Dinge wie diese gibt, ist das stepfordsche Idyll noch nicht vollends verloren, oder? 

Ich frage mich jetzt, warum solcherlei einen immer stärkeren Reiz auf mich ausübt. Ich meine – das ist doch absurd… Assimiliert mich meine neue Rolle stärker, als befürchtet? Hat in irgendeiner finsteren Ecke meines Hirns, einem geheimdienstlichen Schläfer gleich, etwas überwintert, das ich in meiner Kindheit aus Pucki-Büchern, der Lebensrealität meiner Eltern und aus eben genau den Spots, über die wir uns heute totlachen, verinnerlicht habe? Das nun, da MEINE Lebensrealität der meiner Mutter ähnelt, einfach die Steuerung übernimmt?? 

Oder kippt mir Alex DOCH heimlich “Frauengold” in den Tee ..? ;-P

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