Dienstag, 27. Dezember 2011

Postweihnachlicher Weihnachtspost

Kein Jahresrückblick – aber schon so etwas wie ein Résumé


Das Jahr ist fast rum.
Ich glaube, mit Fug und Recht behaupten zu können, dass mir keines zuvor eine derartige Achterbahnfahrt der Gefühle beschert hat! Und echt jetzt: Ich HASSE Achterbahnfahren! ;-P
Ähnlich turbulent war vielleicht allenfalls 2002, weil da meine Tochter auf diese Welt purzelte und damit in aller Unschuld mein Leben so derart grundlegend durcheinanderbrachte ... '02 nämlich wurde mir klar, dass ich meinem biologischen Geschlecht jetzt mehr als Genüge getan, den falschen Job und generell das falsche Leben hatte.

Ein Jahr später gab mir die beste Echse von allen (aus mittlerweile durchaus nachvollziehbaren Gründen) den Laufpaß und bürdete mir damit die alleinige Verantwortung für mein - und NUR mein! - Leben auf.
Weil das Brittalein allerdings selten das Naheliegende wählt, sondern lieber möglichst abseitige Nebenstrecken fährt ...

Aber egal! Zwanzig-elf! Das Jahr der oft schier unerträglichen Nagelproben:
Erst wurde mir bewußt, dass ich nicht zum Fußabtreter eines desorganisierten, chaotischen Mannes geschaffen bin ... Dann, dass mir das eigentlich geliebte Gehäuse mehr als eine Nummer zu groß und somit nichts als ein Klotz am Bein ist ... Schließlich, dass es absolut hohl und keineswegs zielführend (dämliche Worthülse eigentlich!) ist, meiner eh längst ungläubigen Umwelt weismachen zu wollen, ich sei ein Mann.

Da wurde plötzlich alles ganz klar. Und erschütternd einfach.
"Von einer, die auszog, das Fürchten zu verlernen" - quasi.
Britta besuchte (wiederstrebend aber notgedrungen!) ein alteingesessenes Zweithaar-Fachgeschäft, entschied sich nach gefühlt 1000 Stunden für eine Perücke, die ihrem eigenen Haar (wenn dem nicht die der Arterhaltung geschuldete Östrogen-Abstinenz und damit einhergehende Testosteron-Dominanz unauffüllbare Breschen geschlagen hätte) am ehesten entsprach, und beschloß, ihre XY-chromosomale Grundausstattung fortan auch optisch konsequent Lügen zu strafen!

Tschaka! Wie einfach, wie simpel war das denn?
EINE Rundmail an Eltern und Lehrer. EINMAL einfach "Kopf zu und durch".
Sonst alles da: Mindset, Körpersprache, stimmiges, altersgemäßes Outfit, selbst die Sprechweise.
Als wenn alles immer schon so hätte sein sollen.
Als wenn DAS wirklich verwunderlich wäre!

Meine Therapeutin sah mich zum ersten Mal vor 30 Jahren (habe ich das schon erwähnt? Dass ich, als ich Anfang des Jahres mal wieder beim "Institut für Sexualforschung" vorbeischaute, eben DER Ärztin gegenübersaß, die mich schon Anfang der 80er in den Fingern hatte??). Und selbst DIE erkannte mich, als ich mir - nicht zuletzt durch ihr geduldiges Zureden - endlich im Sommer den längst fälligen Ruck gegeben hatte, zuerst nicht wieder. Selbst DIE fragte (und eindeutig mehr als fachlich interessiert), wie es denn sei, so derart abrupt den Wechsel zu vollziehen?

Was soll ich da sagen? Für MICH ist es ja gar keiner.

Für meine Umwelt natürlich schon.

Hehe - plötzlich Prinzessin Britta.

Nur eben nicht für mich.

Aber alle anderen haben es plötzlich mit einer unbekannten Person zu tun.
Freunde reagieren einfach erleichtert.
Bekannte erst verwirrt, dann aber mehr als freundlich.
Und Unbekannte verhalten sich schlicht ganz normal: Männer halten mir die Tür auf und lächeln mich freundlich an, Frauen zeigen deutlich, weil endlich Balz-ungetrübt, ob sie mich mögen oder eben nicht.

Ich bin seit mehr als 40 Jahren ... sagen wir: gender-aware.
Ich glaubte, wirklich viel über die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu wissen.
Und jetzt sitze ich hier und mag kaum glauben, wie anders die Welt von der anderen Seite des Zaunes aussschaut!

Für mich: Sooo schön! Sooo richtig!
Mehr als 50 Jahre dachte ich, ich müsse die Welt mit ... VIER ... Augen sehen.
Nein - das muss ich nicht! ZWEI reichen völlig!

Den Männern ihre ganz eigene Perspektive. Die für sie die Eine, die Richtige sein mag.
Ich denke, ich habe mich wirklich bemüht - aber ich KANN nicht so sehen.
Und ich WILL es eigentlich ja nicht einmal.
Jetzt sehe ich mit MEINEN Augen. Ohne Periskop, Scherenfernrohr oder andere Sehhilfen, mittels derer man aus sicherer Deckung heraus seine feindliche Umwelt belinsen kann.
Und was ich sehe, ist plötzlich MEINE, persönliche, sehr weiblich gefärbte Realität. Nicht immer und überall wirklich schöner - aber direkter, unmittelbarer und endlich ungebrochen. (Dieses Wortspiel widme ich allen OptikerInnen unserer Republik!)

Ich habe immer noch dieses Schlaganfallgefühl (womit ich tatsächliche Schlaganfälle ganz sicher nicht banalisieren will!) - alles fühlt sich an, als wenn ich es zum allerersten Mal täte, als wenn ich alles neu lernen müsse. Jede Begegnung ist komplett unkalkulierbar: werde ich erkannt oder nicht? Wie ist die Reaktion im ersten Fall, wie gehe ich mit dem zweiten (häufigeren) um? Ich lebe hier seit über zwölf Jahren - da kennt man eigentlich jede Verkäuferin, alle Tierärzte, Apotheker oder wen-auch-immer. ICH erkenne die natürlich auch weiterhin - aber die? Die meisten behandeln mich, als wäre ich frisch zugezogen, als sähen sie mich zum ersten Mal. Schräges Gefühl. Als ob ich mit Tarnkappe unterwegs wäre.

Definitiv unbefangener war ich in den ersten Wochen: Da nämlich war mir absolut scheißegeal, ob man auf 200 Meter erkennt, dass ich nicht so ganz "gängig" bin - ich wollte einfach nur endlich raus aus dieser ungeliebten Existenz, dieser viel zu engen, längst erkalteten Haut.
Als ich aber niemandem seltsam erschien, niemand mich an den Pranger stellte (zu meinem eigenen größten Erstaunen übrigens, weil ich selbst 1000 Sachen an mir hasse und für furchtbar auffällig halte), setzte erst einmal große Erleichterung ein.
Dann aber wollte ich mir genau diesen Zustand erhalten und fing an, mich selbst sehr genau zu beobachten und zu kontrollieren - jetzt bloß nicht DOCH noch auffallen! Sehr anstrengend, und so wirkte ich - weil ich nicht mehr wirklich unbeschwert war - da dann vermutlich ein wenig hölzern-unsicher.
Ein bisschen, wie in der James-Krüss'schen Parabel vom Tausendfüßler, dessen wundervoll eleganter - weil unbewußt-natürlicher! - Gang komplett durcheinandergerät, als ein gelehrter Käfer ergründen will, nach welchem komplizierten Algorithmus er seine unzähligen Füßchen setzt!
Seit kurzen stelle ich wieder so etwas wie leichte Enspannung fest - es bleibt ja alles, wie es sein soll, alle sind lieb zu mir, niemand will mich teeren und federn - und hoffe deshalb, dass sich irgendwann souveräne Routine einstellt.
Dauert aber wohl noch - wie sollte das auch anders sein??

Lustig auch die Auswirkungen des immer noch ungeliebten Androcurs: Ich bin ja quasi wieder einmal in der (wie vielten jetzt eigentlich??) Pubertät, und lege an signifikanter Stelle erstaunlich zu! Weil ich es aber natürlich noch nicht gewohnt bin, dort plötzlich so "auszukragen", tu ich mir ständig weh (echt sensitiv, all das schwellende Drüsengeschwurbel!) oder gerate in peinliche Situationen, wenn ich mich in einer Menschenmenge durchwuseln will.
Komisch der Anblick im Spiegel: Die von der Gravitation bislang nur wenig in Mitleidenschaft gezogenen Brüste einer 14-Jährigen an einem Körper, der natürlich nicht mehr so gaaanz dazu passen mag.
Seltsam frankensteinianisch. Wie frisch implantiert. Gewöhnungsbedürftig. Aber natürlich sehr, sehr cool, weil so langsam doch alles in Proportion gerät und ich darum vielleicht doch noch einer OP in dieser Region entgehen kann.

Was ich, nach den desaströsen ersten Erfahrungen mit dem Teufelszeug vor 15 Jahren, am meisten fürchtete, blieb aus: Ich bin emotional zwar deutlich "wackeliger" als zuvor, aber immer noch weit weg von den heftigen Depressionen, die mir die damalige, wie ich heute weiß, leichtfertige Überdosierung eingetragen hatte.
Das jetzt doch ein bisschen sehr dicht "am Wasser gebaut" sein ist allerdings schon ein bisschen lästig. Alex (der ja immer noch oben haust) findet das sehr lustig und erzählt aller Welt, dass man, um mich zum Heulen zu bringen, jetzt einfach nur "Bambiiii!" sagen müsse.
Stümmt leider ... :-/

Libidinös hat Androcur durchaus auch gewisse Effekte - allerdings macht es mich in der moderaten Dosis nicht mehr gleich zum geschlechtslosen Gemüse (eine damals schrecklich verstörende Erfahrung!), schaltet mich, die ich zugegebenermaßen nie besonders triebgesteuert war, aber quasi (quasi gehört quasi zu meinen Lieblingswörtern!) auf "Standby": Ich merke, da ist noch was ... Ich könnte es auch wecken ... MUSS das aber nicht, was angesichts der Tatsache, dass ich momentan singulär lebe und das auch noch eine Weile beizubehalten gedenke, wirklich praktisch ist!
Hehe - vielleicht ist es aber auch nur das Alter! :)=)

Meine Verwachsungen mit dem Viel-zu-großen-Haus zu lösen war schwierig. Ich habe hier zwölf lange Jahre sooo viel Herzblut vergossen und eigentlich mehr fürs Haus, denn für mich selbst gelebt, dass allein die Vorstellung, all das doch loslassen zu müssen, lange unerträglich war.
Plötzlich ging das dann doch, plötzlich fand sich eine Maklerin, der ich mein Gehäuse anvertrauen mochte, dann erschien - einem Silberstreif gleich! - das "Puppenhaus" als gangbare Perspektive - und nun scheinen sich nette Käufer gefunden zu haben. Ein Ende meiner Leiden ist also abzusehen.

Mich emotional von Alex freizustrampeln fiel hingegen erstaunlich leicht - mag sein, dass unsere Ehe nie wirklich den Schritt vom konzeptionell Verführerischen zu tiefem Gefühl getan hat. Uns verbindet wohl immer noch eine gewisse "freundliche Zugewandtheit", wir hören und sehen aber manchmal tagelang nichts voneinander, obwohl wir ja immer noch unter einem Dach leben.

Was mich nun endlich zu WEIHNACHTEN bringt! Das nämlich verbrachten wir diesmal natürlich getrennt: Ich traditionell mehr hinterm Herd, als am Tisch; mit Eltern, Echse und Göre - er in grandios-heroisch-maskuliner Einsamkeit bewaffnet mit Sixpack und schätzungsweise 1000 Zigaretten am Computer, damit beschäftigt, mit den anderen Nerd-Jungs (und angeblich zwei-drei Nerdinnen) War-Game-Schlachten zu schlagen. Laut eigener Aussage "Das schönste Weihnachten EVER!" (Jungs sind aber schon ein bisschen komisch, oder??). Seine Tochter hatte sich zum "anderen Vater" verzupft.
Keine Ahnung, was der gegessen hat - er lebt ja, wenn er keine Dumme findet, die ihn bekocht, vorwiegend von Käse, Müsli, Kaffee und Bier - wir hingegen hatten Gänsebrust (Niedertemperatur gegart!) mit Wirsing und Semmelknödeln! Lecker! Aber jetzt scheint meine Waage kaputt zu sein - ist sie aber jedes Jahr um diese Zeit ... :-/

Meine Mom half mir beim Kochen (vielleicht schnallt die ja doch noch irgendwann, dass es gar nicht sooo scheiße ist, eine Tochter zu haben!), Vater und Echse hüteten derweil das bereits bescherte und darob wie immer vor lauter Glück wie besoffene Kind - und meine schon eher jenseitige Katze, der ich hoch anrechne, dass sie die offenbar kurz bevorstehende Reise zu Freya auf nach dem Fest vertagt hat, vertilgte anschließend Unmengen übriggebliebene Edel-Gans.
Sicherlich nicht gut für die angeschlagenen Nieren, aber gewiss gut für ihre unsterbliche Seele - und ein angemessenes Festmahl für ein Mitgeschöpf, das ich mich längst schon nicht mehr "Tier" zu nennen traue, weil mir das so humanoid-überheblich erscheint für ein Wesen, dass ich länger kenne, als die meisten Menschen in meinem Leben ... und wirklich von ganzem Herzen zu lieben gelernt habe.

Auch meine Tochter liebt die greise Felidin natürlich sehr - die Katze ist aus ihrer Perspektive schließlich schon immer da, ist eine Konstante, quasi(!) ein Kontinuum, unverzichtbarer Bestandteil ihres gesamten bisherigen Lebens, ihrer Welt, Gefährtin ihrer Kindheit - und schon meine unbeholfenen Versuche, sie auf deren bald zu erwartendes Sterben vorzubereiten, stürzen sie in tiefe, herzzerreißende Trauer! Ohne die mittlerweile doch sehr abgemagert-ätherische kätzische Kaiserin wären das sehr, sehr traurige Weihnachten geworden.
Heiligabend war sie übrigens genau 20 Jahre, acht Monate und drei Wochen alt. Das ist wirklich sehr, sehr betagt für eine Katze. Aber wer weiß?? Die hat in den letzten Jahren des öfteren schon schlimmer geschwächelt - grünte dann aber immer wieder völlig überraschend durch! Dreifarbig halt - typische Glückskatze!
Wenn sie nun aber meint, dass es Zeit sei für die große Reise, werde ich sie gehen lassen - auch wenn mir ein Leben ohne dieses verschrobene, eigensinnige und doch so liebevolle Geschöpf so gar nicht vorstellbar scheint ...

Na - wird schon!

Euch (allen, die mich lesen, allen, die ich liebe) - und natürlich Silly-Little-Me-Myself wünsche ich jedenfalls einen sanften, unfallfreien Jahreswechsel und nur das Aller-Allerbeste für das vor uns liegende, frische, jungfräuliche Jahr! :-))





Kommentare:

  1. Du besteste aller Brittas- Danke, gleichfalls! Und jetzt pack ich mich mit meiner Migräne wieder ins Bett :/

    DieLily

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  2. @Lily:
    Huh - Migräne ...
    Ich hoffe mal, mein gewohnt ausschweifend wortreicher Post hat nicht dazu beigetragen!

    Von derlei Gedanken alarmiert, habe ich ihn gleich mal durchs "BlaBlaMeter" (http://www.blablameter.de/) gejagt:

    "Ihr Text: 13072 Zeichen, 1948 Wörter
    Bullshit-Index: 0.11
    Ihr Text zeigt nur geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch."

    Hmm ... wortreich. Ich sollte mal lernen, mich ein wenig kürzer zu fassen!
    Mit einem Bullshit-Index von 0.11 komme ich allerdings gerade noch so einigermaßen klar! ;-)

    Gute Besserung wünscht's Brittalein!

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  3. Bloß nicht, liebe, liebste Britta. Es ist einfach ein Hochgenuss deine Texte zu lesen. Ich wähnte dich die letzten Wochen auf Baustellen-Tauchstation und verpasste daher all deine neuen Posts. Nun werde ich hocherfreut meine Leseroutine wieder ändern. Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Jahreswechsel und das Beste für das Neue. Deine Nachbarin Eugene ♥

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  4. danke! ich hatte ein super 2o11, dafür war 2o1o extrem schlimm... dir auch einen tollen jahresübergang, in ein für dich noch weiter befreiendes 2o12! :D

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  5. Aus der Pension wünschen Frau Aurora und die Hausmeisterin einen wundervollen Jahreswechsel und einen Sack voll beglückender Erfahrungen!

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  6. Dir geht es hoffentlich gut oder zumindest passabel, fragt sich besorgt deine Eugene...

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    1. Hmpf ... siehe oben.
      Nein, richtig toll geht es mir nicht - aber so eine zünftige Häutung hat wahrscheinlich einfach unter Schmerzen zu geschehen ... ;-/

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  7. Selbstironisch, emotional und spannend, wie du dein Leben beschreibst! Auch das Fragmentarische geht gut. Wohl auch deshalb so relevant und vergnüglich für mich zu lesen, weil du aus der gleichen Region kommst und aus der gleichen Altersperspektive heraus schreibst. Da bin ich doch gleich beim ersten Hereinschnuppern "verwandtschaftlich" hängen geblieben.
    Liebe Britta, mein Kompliment! Alles Gute vorerst und weiterhin gute Inputs für deinen Schreiber-Output (womit ich eigentlich nicht "put, put, put!" sagen will).

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    1. Oh - danke schön! :-)
      Lustig - eigentlich gibt es noch eine Gemeinsamkeit: Ich habe vor meiner "Stepfordisierung" lange Jahre mit Grafik und Schreiben mein Geld verdient.
      Und wenn ich diesen Alptraum hinter mir habe, werde ich umgehend nach neuen Perspektiven schauen.
      Und hoffentlich auch wieder regelmäßiger bloggen! :-)

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