Samstag, 20. März 2010

Seeräuberjenny

- und kein Schiff mit acht Segeln in Sicht ...

Der sechste Teil, in dem ich zu zeigen versuchen will, dass das Leben natürlich nicht NUR furchtbar war. Dazu bedarf es vielleicht einer genaueren Schilderung der Lebensumstände und des daraus resultierenden Lebensgefühls.

O Timmendorf, bleiche Mutter... Für alle Nicht-Norddeutschen und sonstigen Ostseevermeider, denen der Name so gar nichts sagt, sei erwähnt, dass es sich um ein in Ostholstein an die Lübecker Bucht gekuscheltes verschlafenes Nest handelt, in dem nur während der Badesaison so etwas wie intelligentes Leben möglich ist: Kaum hat nämlich der letzte Tourist diese entlegene Weltgegend verlassen, schliessen 75 % der Läden, fast die gesamte Gastronomie und das, zumindest damals, einzige Kino der Umgebung.
Mich wunderte immer, dass man dem Kaff nicht gleich einen großen Schonbezug überstülpte - "tote Hose" kam jedenfalls schon fast einem Euphemismus gleich.
Direkt durch Timmendorf (eigentlich Timmendorfer Strand) nietet der 54° 00' Grad nördlicher Breite, was die Eingeborenen mit Stolz und tiefer Befriedigung erfüllt, weshalb man diesem bedeutsamen Umstand mit einem Messingband, das sich quer durch den Ortskern zieht, Rechnung trägt.
In den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit geriet diese beschauliche Gemeinde nur einmal, im Frühjahr '45, als das Meer etwa 800 Leichen an den Strand spülte, die anläßlich der Versenkung der Schiffe "Cap Arcona" und "Thielbeck" fünf Tage vor Kriegsende in der Lübecker Bucht den Tod gefunden hatten.
Die Timmendorfer versuchten vergeblich, Kurtaxe zu erheben.

Hier nun rief nach Kriegsende die evangelische Kirche das einzigartige Bildungsinstitut ins Leben, in dem Britta, wie 15 Jahre früher ihr Halbbruder (was sie allerdings erst ewig später erfuhr - aber das ist eine andere Geschichte), von der Schulversagerin auf stromlinienförmig-erfolgsorientiert umfrisiert werden sollte.
Ursprünglich war es, mit eigener Schule in privater Trägerschaft, besonders für Kriegs- und Flüchtlingskinder gedacht, später wurde es dann mehr zu einer Art Wohnheim mit Hausaufgabenbetreuung direkt neben dem Ostseegymnasium, dass das Land Schleswig-Holstein dazu vorgesehen hatte, auch die Gören der Rapsbauern, Fischer und Pensionswirte der Region mit so etwas wie Bildung zu versehen.
Das Internat stellte rund ein Drittel der Schülerschaft, war relativ preiswert und ohne jeden elitären Ruf, so dass die Belegschaft etwa zur einen Hälfte aus Problemkindern, zur andern aus Kids bestand, die aus den unterschiedlichsten praktischen Gründen in fremde Obhut gegeben werden mußten.
Der abgelegene Standort und die widrigen Bedingungen außerhalb der Saison führten dazu, dass das Kollegium der Schule zu einem nicht unerheblichen Teil aus skurilen Persönlichkeiten bestand, von denen nicht wenige schon die eine oder andere Strafversetzung hinter sich hatten, oder nach dem Krieg da irgendwie hängengeblieben waren.
So richtig freiwillig - so schien es jedenfalls - war eigentlich niemand da: Die Eingeborenen nicht, nicht die Lehrer - und wir Internatler schon mal rein gar nicht!
Im Winter hatte das ganze Setting in etwa den Charme einer sibirischen Strafkolonie.

Lustig war es irgendwie schon: Wir hatten einen Erdkundelehrer, der eigentlich nur von Weltgegenden erzählte, die er mit der Wehrmacht bereist hatte, und gern detailreich und blumig schilderte, wie er dreier Finger, eines Teils seiner Schädeldecke nebst einer Hinterbacke verlustig ging, weil er seine Handgranate zu spät geworfen hatte, eine Geschichtslehrerin, die uns ergriffen Lauschenden (Hey! - das hatte wenigstens am Rande irgendwie mit Sex zu tun!) zur Traumabewältigung ihrer Massenvergewaltigung durch die Rote Armee missbrauchte, und einen Chemielehrer, der nicht nur eines Tages den Chemiesaal komplett entglaste, weil er die Herstellung von Nitroglyzerin demonstrieren wollte, sondern auch der besseren Anschaulichkeit halber aus gutem Grund schwer erhältliche Chemikalien wie metallisches Arsen oder roten Phosphor durch die Reihen gehen ließ und sich jedesmal wunderte, wie flüchtig doch selbst feste Stoffe sein konnten, wenn sie nur giftig oder gefährlich genug schienen.
Dann war da noch der Englischlehrer, stets bedroht von der dann dritten Disziplinarmaßnahme, die die entgültige Entfernung aus dem Dienst bedeutet hätte, weil er gern mal mit seinem schweren Schlüsselbund warf oder Schülern die Nase blutig schlug.
Und natürlich mein ganz persönlicher Favorit: Der Lateinlehrer, dessen beispielloser Sadismus es ihm notwendig machte, sich alle straßenseitigen Fenster vermauern zu lassen, weil er es irgendwann leid war, ständig die Scheiben zu ersetzen, die die Schüler ihm einwarfen.
Klein, dicklich und mit Käpt'n-Bünting-Bart stand er der "Segelgilde" vor, einer Art AG, die über eine kleine Flotte Boote verfügte, die unten am Strand im "Segel-Käfig" wohnten.
Segeln allein wäre natürlich lustig gewesen, in der Gilde zu sein bedeutete aber, wöchentlich an einem Konditionstraining teilnehmen zu müssen, das jeder Ledernackeneinheit zur Ehre gereicht hätte.
Wurde man beispielsweise beim Rauchen erwischt, lautete das Urteil meist "Tadel oder einmal Konditionstraining".
Britta wählte nur einmal letzteres, wurde erbarmungslos geschliffen und akzeptierte von da an lieber willig den Tadel.
Im Unterricht herrschte blanke Angst, weil der Pauker nicht nur mega-streng war, sondern sich auch jedesmal ein-zwei Opfer aussuchte, die er verbal drangsalierte. Die Mädels litten besonders unter permanenten, aber leider nicht wirklich justitiablen Schlüpfrigkeiten: Bettina beispielsweise klang bei ihm immer wie Bett-Ina, Susanne wurde zu Sus-Anne (Sus = lat. Schwein).
Gab es keinen Namen zu verballhornen, griff er auf vermeintliche intellektuelle Defizite oder körperliche Unzulänglichkeiten zurück. Mir unvergesslich: "Regina - mit Ihnen möchte ich mich heute über ... Formen unterhalten... Und auch die ... Stellungen sollen dabei nicht zu kurz kommen!" ... Har-Har...
Britta lernte bei ihm nicht nur jede Menge Latein, sondern auch, dass es ganz schön doof ist, Frau zu sein.
Jedenfalls, so lange es solche Drecksäcke gibt. Und dass man sein rhetorisches Schwert nicht nur schleifen, sondern auch gleich noch vergiften kann.
Neben all den Mumien, Monstren, Mutationen hatte es schon auch ein paar nette Referendare und andere eher unauffällige Gutmenschen, die wohl einfach keinen attraktiveren Arbeitsplatz gefunden hatten.
Und wenn das alles vielleicht erst mal furchtbar klingen mag - dieses skurile Panoptikum von Lehrerschaft bot auch hohen Unterhaltungswert - langweilig war es jedenfalls nie.

Im Sommer gings - der Stand war schon schön. Auch wenn ich nicht gern badete - ich hätte dazu ja das T-Shirt ausziehen müssen. Wenn wir nicht baden konnten oder durften, vertrieben wir uns die Zeit damit, ein Opfer zu suchen, dass wir dann bis zum Hals eingraben und seinem Schicksal überlassen konnten. Besonders begehrt waren da die bedauernswerten Zeitgenossen, die die damals beliebten "Bay-City-Roller-Hosen" - Jeans, die am Hintern knalleng, dafür am gesamten Bein superweit waren - trugen: die konnte man prima mit Sand befüllen, bis sie, prallen Würsten gleich, ihren Träger vollkommen bewegunslos machten, weil wir sie sowohl unten, wie auch am Bund mit Bändseln verschnürten, die man nur mit einer Schere wieder aufkriegte.
Lustig. Sehr. So lange man nicht selbst den "Zombie" abgeben mußte - so schleppte man sich nämlich dahin, wenn es einem überhaupt gelang, auf die Beine zu kommen. 

Direkt hinter dem Internat verlief eine Umgehungsstraße, dahinter lag ein wunderschöner Wald - teilweise fast undurchdringlich verwuchert, teils mit uralten Buchen bestanden. Im Dickicht bauten wir aufwändige Höhlen, was natürlich streng verboten war, weil wir da auch immer Feuer machten.
Auf der Abbruchkante der an dieser Stelle weiter im Landesinneren verlaufenden Steilküste gab es Ruinen, die von einer ehemaligen Flakstellung stammen sollten. Den Hang hinab führte, Gerüchten zufolge, ein Geheimgang, der mit dicken Mauerwerksbrocken verfüllt war und von dem die Fama ging, dass die Nazis da Waffen und Munition vergraben hätten.
Generationen von Internatlern hatten sich da schon die Finger wundgebuddelt - wir natürlich auch. Nicht, dass wir je auch nur einen Uniformknopf gefunden hätten - aber Spaß machte es trotzdem, weil es natürlich auch verboten war.

Bei solchen Gelegenheiten kam noch am ehesten Hanni-und-Nanni-Feeling auf.

Ich verbrachte viel Zeit allein im Wald. Bewaffnet mit Decke und Buch zog ich mich in den Buchenwald zurück, wo ich eine kleine Lichtung kannte, an der stundenlang keine Menschenseele vorbeikam.
Stille. Absolute Stille. Und besonders, wenn die himmelstürmenden silbergrauen Säulen frische, grüne Blätterkronen trugen, ein grün-goldenes Licht, dass man so nur in alten Laubwäldern findet.

Sääähr aufregend auch, weil am aller-aller-verbotensten: das "Aussteigen". Nachts waren die Häuser abgeschlossen - es galt also, sich die Zwergenbelegschaft eines Unterflurzimmers mit Bestechung gewogen oder durch Einschüchterung gefügig zu machen, so dass das Fenster geöffnet und die Schnäbel geschlossen blieben, abzuwarten, bis unser Erzieher durch den reichlichen Genuß von "Underberg" (DAS Frauengold für den Mann, quasi!) hinreichend stramm vor Anker lag, um dann leise hinauszuhüpfen.
Raus ging es recht locker, weil es von der Brüstung bis zur Erde lediglich zwei Meter waren - rein war schwieriger: Räuberleiter, den letzten hievte man mit vereinten Kräften hinauf. Alles natürlich so leise als möglich, weil der Erzieher wohl nur mit den Posaunen des jüngsten Gerichts wiederzuerwecken gewesen wäre, seine Frau, die der Internatsküche vorstand, hingegen Ohren wie ein Luchs hatte.
Ohne die Haarpuschel an den Spitzen natürlich.
Manchmal wanderten wir nur am nächtlichen Strand umher - gelegentlich ließen wir uns aber auch von den örtlichen Päderasten in irgendeiner Spelunke, deren Wirt unser jugendliches Alter Wurst war, freihalten. Mehr oder minder beschwipst UND leise zurückzukraxeln war eine echte Herausforderung - wurde man erwischt drohte sofortige Relegation.
Die freundlichen Päderasten von nebenan taten nicht viel mehr (jedenfalls kamen mir keine weitergehenden Geschichtchen zu Ohren), als uns abzufüllen oder mit sinnlosem Krams zu beschenken; ich fand es trotzdem eklig - deshalb blieb es für mich eine einmalige Erfahrung.

War es zur Zeit meines "Strafantritts" noch recht schwierig, Aufnahme zu finden, blieben dem Internat jetzt langsam die Interessenten weg - Abgänge konnten nur noch selten ersetzt werden.
Das "Haus an der Timme" schlossen sie zuerst, dann mußte die "Abteilung Würz", in der die Jüngsten sonderbehandelt wurden, dran glauben - und schließlich zog "Fräulein Mahlzahn" murrend und knurrend mit all ihren verbliebenen Prinzessinnen aus dem "Mädchenhaus" in die untere Etage des "Neuen Jungenhauses" - sie bestand natürlich auf nagelneuen Sicherheitsschlössern und installierte gewiss heimlich zusätzlich Sprengfallen und Selbstschußanlagen.
Fast alle Oberstufenschüler wurden nun auch im "NJH" konzentriert, weshalb bei uns im Oberflur allerhand Zimmer vakant wurden - Britta gehörte zu den Gewinnern dieser Reise nach Jerusalem und mußte sich jetzt nur noch mit einem, statt mit fünf doofen Jungs herumplagen.

Etwa um diese Zeit muss ich zum ersten Mal über den Begriff "Transsexualität" gestolpert sein. Bis dahin war mir nur "Transvestit" und - als Schimpfwort - "Tunte" geläufig. Das schienen aber Männer zu sein, denen es Spaß machte oder ein Bedürfnis war, sich als Frauen zu verkleiden - ich fühlte mich eigentlich eher als Mann verkleidet.
Nun hörte ich von Menschen, die als Männer nach Casablanca flogen, dort all ihre Ersparnisse ließen und dann als Frau zurückkehrten. Oder zumindest als etwas ähnliches.
Die OP-Technik steckte in den Kinderschuhen und die Ergebnisse waren wohl entsprechend.
Meine Reaktion war zwiespältig: Einerseits eröffnete das ganz neue Optionen - man konnte also tatsächlich sein körperliches Geschlecht wechseln! Ufff... Mann-Sein war kein unabänderliches Schicksal??
Andererseits bedeutete es große finanzielle Opfer, Schmerzen, Risiken, unbefriedigende Ergebnisse - und vor allem: ein Leben im gesellschaftlichen Abseits. Fast alle "anderen Frauen" landeten offenbar über kurz oder lang im Rotlicht-Milieu, wenn sie nicht da schon das Geld für ihre OP zusammengespart hatten.
An Informationen zu kommen, war mehr als mühsam. Was sich heute problemlos an einem Nachmittag im Netz recherchieren läßt, bedeutete damals endloses Herumsuchen in Bibliotheken und peinliches Herumgefrage.
Was ich herausfand, entsetzte und entmutigte mich. So wollte ich nicht leben. Ich wollte kein Freak ohne bürgerlichen Job und ohne Familie werden, wollte nicht tagsüber das Gespött der Leute sein und des Nachts Gefahr laufen, totgeschlagen zu werden wie ein herrenloser Hund.
Ich verstärkte meine Bemühungen, diese "unselige Veranlagung", diese "unerklärliche Perversion" loszuwerden, oder doch zumindest so zu kaschieren, dass man mich nicht mehr "Jenny" rief (leitete sich teilweise auch ganz unschuldig von "Jani" ab - ich hieß Jan); ich war es auch leid, die "Maus" zu sein, die man zwar fürchtete, weil sie zunehmend schmerzhaft beißen konnte, aber trotzdem nie wirklich ernst nahm.
Ich hätte so gerne irgendwo dazu gehört, aber all meine Bemühungen verstärkten nur den Zwiespalt - ich begann mich zu hassen.
Ich haßte mich für meine Unzulänglichkeit, für meinen Mangel an Mut, für meine Verschlagenheit, die Verlogenheit und die Skrupellosigkeit, mit der ich die Schwächen anderer aufdeckte und mitleidlos für meine Zwecke nutzte.
Und ich haßte meine "Geschlechtsgenossen" - so sehr, wie ich sie fürchtete.
Das waren die "Feinde"... ALLE Männer waren Feinde - Feinde, unter denen ich leben mußte, denen ich eigentlich nicht gleich werden wollte, es aber zu müssen meinte.

In der Schule lasen wir die "Dreigroschenoper" - und ich empfand tiefes, fast schwesterliches Mitgefühl für die Seeräuberjenny.
Und wenn das Schiff mit den acht Segeln und den 50 Kanonen an Bord unseren Strand angelaufen hätte, mich retten zu kommen... Und wenn sie mich gefragt hätten, wen sie töten sollten... Dann hätte Jenny "ALLE!" geantwortet. Wie aus der Pistole geschossen. Das ist jedenfalls mal sicher!

Ein Jahr später drohte dem Internat die Schließung, ich hatte mich inzwischen schulisch saniert und durfte deshalb nach Abschluß der Zehnten heim.

Britta packte also glücklich ihre Siebensachen und verließ den Ort ihrer Verbannung um viele Erfahrungen reicher, -zig Illusionen ärmer, als hervorragende Schauspielerin und mit allen Wassern gewaschene Soziopathin.

(Hmpf... ich war eigentlich wild entschlossen, diesmal nur die positiven Aspekte, die lustigen und wirklich lehrreichen Seiten herauszustreichen - nun ist das schon wieder so eine dramatische Jammernummer geworden. Pfff... vielleicht krieg ich ja im nächsten Teil die Kurve!)

Schnell noch ein wenig Bratzen-Lyrik:

Hochmut

Ich mag den Hochmut
– vor dem Fall,
ich mag den Stolz,
wenn er sich regt.
Und ich mag Würde,
dann zumal,
wenn man sie
Stück für Stück ...
so peu à peu ...
zu Markte trägt. –

Britta/'92

(viel später und eigentlich in ganz anderem Zusammenhang geschrieben - paßt aber irgenwie, find ich...)


.

Kommentare:

  1. Ich muss gestehen, dass ich grad hier einen viertel Meter in die Luft gehüpft bin, als ich las, dass es was neues gibt aus Brittas Jugendzeit. Es wird dir vorkommen wie Hohn, wenn deine Leser hier sitzen und ungeduldig auf spannende Erlebnisse aus dem Teil deines Lebens warten, in dem du so unglücklich warst. Aber du hast eine wirklich sehr eigene und sehr fesselnde Art, das zu beschreiben. Ich sags selten, aber ich finde, hier gehört das hin: Schreibs auf, und such einen Verlag. Ein Buch mit diesem Inhalt wäre ein Gewinn, weil sich auch der Normalo erstens endlich vorstellen kann, wie sich das anfühlt, auch wenn es nur ein allgemeines Gefühl sein kann. Du verstehst.

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  2. Ach, und: Auf der Lyrik kau ich noch. Hat was chansoneskes.

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  3. Schließe mich meiner Vorschreiberin voll inhaltlich an.

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  4. Oh... uii... danke schön, ihr beiden!
    Und ich freu mnich wie Schneekönigin, wenn gern gelesen wird, was ich schreibe! :-)

    Hmpf... Buch... würde ich es zu einem "Projekt" machen, begänne ich wahrscheinlich zu prokrastinieren. Weil es dann so ein Berg wäre.
    Im Moment schreibe ich auf, was mir in den Sinn kommt - und das tut mir verdammt gut, weil es mich... hmm... vollständiger macht. Ich hol mir gerade ein wenig meine Vergangenheit, meine Geschichte zurück. Da ist vieles, was ich tief vergraben hatte. Weil vieles eben kein Ruhmesblatt für mich ist - ich war ja nicht nur Opfer, sondern leider auch immer Täterin und stand mir meist selbst mehr im Weg, als es meine Umgebung tat.
    Das Schreiben tut mir gut. Aus der Distanz betrachtet, wird mir vieles klar - und ich selbst werde mir erklärlich.

    Was immer daraus aber werden wird - es ist ein Weg, Dinge nicht einfach im Orkus verschwinden zu lassen. Ich habe ein Tagebuch von meiner Ur-Urgroßmutter. Die ist 1825 geboren und begann mit etwa elf, aufzuschreiben, was in ihrer Umgebung so geschah. Zuerst sehr kindlich und über weite Strecken bloße Aufzählung von Alltäglichkeiten - aber manchmal so berührend, weil da ein Kind (und später junge Frau) schreibt, dass offenbar ziemlich genau so empfand, wie es heutige Teenies tun: Ärger in der Schule, Sorge um Freunde oder Verwandte, oder was die Kids damals so taten, um sich die Zeit zu vertreiben - nicht sooo viel anders, als heutzutage. Erste Liebe dann, Hochzeit, Eheleben und erstes Kind...
    Am 6. Februar 1848 bricht es ab. Sie starb nach der Geburt des zweiten Sohnes mit gerade mal 23 Jahren.

    Durch dieses Buch ist sie mir fast näher, als es Verwandte sind, die ich noch gekannt habe.
    Was aufgeschrieben wird, geht nicht so schnell verloren.
    Vielleicht wird zumindest meine Tochter irgendwann froh darüber sein?

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  5. Vielen Dank für deine Erzählungen, in denen ich Britta im geblümten Sommerkleid durch den Wald stromern sehe und es mir nicht gelingt sie in Jungs-Klamotten zu stecken. Dies ist eine der dichtesten und authentischten Leben-szenen-Erzählungen die ich bisher von einem Transmenschen gelesen habe - so fernab vom Denken und ganz nah am Fühlen.

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  6. ich unterschreibe bei Lily und bei re-laxed, wobei ich keine anderen Leben-szenen-Erzählungen von transmenschen [schöner begriff!] kenne ;).

    meine kindheit war so ganz anders...

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  7. @re-laxed: Jetzt habe ich ganz rote Ohren - vielen Dank! :-)
    Hätte ich mich damals nur besser verstanden... hätte ich mich selbst annehmen können - dann wär's auch eher das Sommerkleidchen gewesen! :-)
    Aber bevor andere so richtig dazu kommen konnten, mich zu verachten, habe ich das praktisch vorweggenommen - schön doof. :-/

    @rebhuhnchi: Das wird nur zu einem kleinen Teil an der anderen Zeit gelegen haben, in der wir beiden aufgewachsen sind.
    Lily nennt Menschen, deren Hirngeschlecht weitgehend(!) im Einklang mit dem Körpergeschlecht ist, "homogen". Transmenschen hingegen erleben sich als "inkongruent" - und so lange es nicht gelingt, beide Persönlichkeitszipfel irgendwie zusammenzutüddeln, leben wir zwei Leben gleichzeitig.
    Weil aber unser Tag tatsächlich - quelle surprise! - auch nur 24 Stunden hat, kommt eine der beiden Personae immer zu kurz und bleibt daher zurück.
    Mein Mann z.B. ist manchmal wie so ein kleiner Bengel - was Wunder, saß der "Innenmann" doch jahrzehntelang praktisch im dunklen Keller. Deprivation hat schlimme Folgen.
    Beides gleichzeitig, Mann UND Frau, mag zwar im Einzelfall gehen - ist aber super kraftaufwändig.
    Wenn wir allerdings aufhören, uns an unsere Maske zu klammern, wenn wir "es einfach geschehen lassen" (so empfinde ich das nämlich - ich tu nix besonderes. Ich laß es einfach zu), reift unser unterdrücktes Ich meist relativ flott nach. ;-)

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  8. Liebe Britta,
    ich geh mal davon aus, dass deine unbestreitbare Intelligenz, Sensibilität und Kreativität nicht ganz schuldlos daran waren, das du das Fassadenwahren so lang durchgehalten hast. Manchmal ist das nämlich durchaus ein Fluch, wenn es dazu führt, dass man sensibel ist für das, was die Umgebung erwartet, kreativ dabei, sich zu verstecken und intelligent genug, es überhaupt erstmal für sich zu behalten, dass man anders ist als andere.
    Da ist es dann kein Wunder, dass das Nachreifen schnell geht, wenn diese Last des Versteckspielens von einem genommen ist. Zumal das ja nur Teile von dir mussten, und nicht die ganze Britta- es wird ja ein hochfunktionaler Fassadenmann da herumgelaufen sein, wo jetzt Britta ist, denke ich...

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  9. Ach, und mach dich mal davon frei, dass man groß werden kann, ohne Täter/in zu sein. Das geht gar nicht.

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  10. Tja - Hammer oder Amboß...
    Ich habe seit etwa fünf Jahren wieder viel Kontakt zu einer ehemaligen Klassenkameradin... Die sagte mir, dass damals nicht wenigen Leuten schon das Blut in den Adern gefror, wenn sie mich nur sahen.
    Selbst traumatisiert zu sein kann wohl eine Erklärung, nie aber eine Entschuldigung dafür sein, seinerseits andere zu traumatisieren.
    ICH kann mir mittlerweile einigermaßen verzeihen - aber ob meine damaligen Opfer das auch können??

    Und ja - transidente "Avatare" sind oft so perfekt, dass die quasi auf Autopilot laufen. Macht das ganze Leben zu einer derart virtuellen Angelegenheit, dass ich mich teilweise in wirklich virtuellen Computerwelten wirklicher fühlte, als in der Realität. :-/

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  11. Also, wenn ich das richtig verstanden habe bis hierhin, hast du keinesfalls das kleine Monster rausgekehrt, weil es dir Spaß gemacht hat, sondern weil du sonst gnadenlos verheizt worden wärest. Dass du da vielleicht übers Ziel hinaus geschossen bist, finde ich sehr verzeihlich... und dass nicht immer der/die Richtige dran glauben muss, auch.
    Das mit dem Autopilot kenn ich auch. Da läuft ab einem bestimmten Triggerpunkt wirklich alles so automatisch, dass man gar nicht mehr da sein muss, um das abspulen zu lassen. Der Haken an meinen Autopilot-Anteilen ist, dass ich das gar nicht mehr will, weil es mir so viel Übles eingebrockt hat, und es rattert trotzdem los. Da zu lernen, bewusst andere Verhaltensweisen zu etablieren und dem nachzuspüren, was man tatsächlich will, ist ganz schön schwierig.

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  12. So spannend!

    Du schreibst, Du hattest gelernt, "dass es ganz schön doof ist, Frau zu sein", und beim Lesen dachte ich zuerst: erstaunlich, dass Du trotzdem eine Frau sein wolltest. Aber dann erwähnst Du gleich im nächsten Satz die wohl schlagkräftigste Waffe gegen besagtes Doofsein, nämlich "gelernt, dass man sein rhetorisches Schwert nicht nur schleifen, sondern auch gleich noch vergiften kann".

    Bravo Britta, so macht Frausein Spass :)!

    PS: Hier ein aktuelles Interview mit dem Stabhochspringer Balian (vormals Yvonne) Buschbaum:

    http://www.fr-online.de/in_und_ausland/panorama/2466634_Balian-Buschbaum-im-Interview-Meine-Welt-ist-so-einfach-geworden.html

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  13. danke für das interview, Mrs. Mop - auch so spannend!

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  14. @Mrs. Mop:
    Oh! Danke schön! Das Interview kannte ich noch nicht!
    Der Herr Buschbaum ist gerade recht gut in den Medien unterwegs, war vor kurzem in Stern-TV und hatte ein zweiseitiges Interview im Stern. Mit tollen Bildern. Ist echt ne scharfe Schnitte geworden - ich kenne nur wenig Frauen, die den von der Bettkante... *seufz*
    Und trotzdem empfinden viele Frauen (ich auch!) so etwas wie Verrat...
    Der hängt einfach sein Frausein mit der Karriere an den Nagel, wird von allen Seiten gelobt, ja - fast gefeiert und prahlt ganz unverhohlen mit all den neuen Freiheiten und Vorzügen des Mannseins... Ich hab ja auch so einen zuhause. Weint dem Frausein (und der hatte nun wirklich eine spektakulär schöne "Außenfrau"!) keine verdammte Träne nach und verpaßt kaum eine Gelegenheit, mir unter die Nase zu reiben, wie prima das Leben doch plötzlich ist.
    Nicht falsch verstehen - ich liebe ihn wirklich sehr, den "Feind in meinem Bett".
    Aber manchmal könnte ich ihm für die... hmm... Häme? ... das Gesicht zerkratzen. :-/

    Ich WOLLTE ja überhaupt nicht Frau sein. Ganz im Gegenteil. Ich habe alles darangesetzt, irgendwie drumrumzukommen. Ich habe es mir genauso wenig ausgesucht, wie alle anderen Frauen auch.
    Und bitte wieder nicht falsch verstehen: Frausein hat sooo viele wundervolle Aspekte. Und seit ich einfach BIN, fühle ich mich um Welten besser, runder, heiler.
    Aber als ich endlich so weit war, schwang immer ein Gefühl des "mich-in-mein-Schicksal-gefügt-habens" mit. Und ein Gefühl von - Verlust. Macht, Status, Freiheit, Gewicht...
    Ich meine... da kommt man mit dem großen Löffel auf die Welt... Und dann muss man das Leben doch mit dem Kuchengäbelchen essen... :-/
    Meine scharfe Zunge hat mir allerhand erspart - aber mir auch jede Menge Schwierigkeiten eingetragen.

    Und ja... doch! - Frausein macht Spaß. Zurück wollte ich niemals! Tschakka! ;-)

    Aber so lange noch EINE junge Transfrau sich zu Tode schämen muss, ehe sie sich zum ersten Mal so auf die Straße traut, wie sie sich fühlt... während Transmänner (die es AUCH nicht immer leicht haben!) ganz locker und unbeschwerd ihr altes Sein über Bord kegeln... So lange stimmt etwas nicht mit dieser Gesellschaft. Und das geht ALLE Frauen an (die Männer natürlich auch)!

    In den letzten 30 Jahren hat sich schon sooo viel getan - das bisschen, was vom Patriarchat noch übrig ist, schaffen wir auch noch, oder? ;-P

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  15. Öh... beim noch mal Drüberlesen fiel mir auf, dass das ein wenig missverständlich aufgefaßt werden könnte...
    Ich missgönne Transmännern in keiner Weise, dass ihnen weniger Steine in den Weg gelegt werden.
    Ich werde nur den Verdacht nicht los, dass das so ist, weil sie die soziale Treppe praktisch HINAUFfallen - während Transfrauen im öffentlichen Ansehen zumindest erst einmal absteigen... Wie sonst wäre zu erklären, dass das Tragen von Frauenkleidern für Männer peinlich, der umgekehrte Fall aber lustig bis interessant ist?? :-/

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  16. Danke für die tiefen Einblicke, die Du gewährst.
    Das überrascht mich jetzt doch, wie exakt sich das Geschlechterverhältnis (bzw. das Verständnis von Macht) auch bei Transmenschen abbildet. Das liest sich ja fast, als ob die Transmänner das große Los gezogen haben, während die Transfrauen zusehen müssen, wie sie mit der Ar***karte 'Frau' klarkommen. Oder ist das jetzt übertrieben?

    Aber es stimmt schon, bei Männern in Frauenkleidern gucken (fast) alle peinlich berührt weg. Andererseits, Frauen in Männerklamotten werden ja auch nicht NUR als lustig wahrgenommen, vielmehr macht man sich gern über sie lustig. Gut, es sehen ja auch nicht alle so gut/interessant damit aus wie Marlene Dietrich...;)

    Dein Humor ist umwerfend: "...da kommt man mit dem großen Löffel auf die Welt...", ich schmeiß mich weg :). Muss ich mir merken. Falls mir mal wieder irgendein Kerl blöd kommt..."du denkst wohl, bloß weil du mit nem großen Löffel auf die Welt gekommen bist..." und so weiter. Oder so: "Jetzt bist du schon mit nem großen Löffel auf die Welt gekommen, also sieh zu, wie du deine verdammte Suppe allein auslöffelst." Oder so. Ha. Mehr davon, bitte :).

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  17. @Mrs. Mop:
    Leider mE nicht übertrieben.
    Das ist es, worüber ich jetzt schon seit paar Wochen brüte... inwieweit Transidente Indikator für gesamtgesellschaftliche Verhältnisse sein können.
    Hirnforscher nutzen uns momentan gern als Kontrollgruppe, weil sich an unseren Hirnchen so schön zeigen läßt, was WIRKLICH unbestreitbar geschlechtsspezifisch ist. Das ging früher nur postmortem, weil man dafür den Bregen in hauchzarte Scheibchen schneiden mußte. Nun läßt sich - materialschonend! - auch mit bildgebenden Verfahren allerhand beweisen.

    Mir wird eigentlich erst, seit ich mit Alex lebe, so richtig erschreckend bewußt, WIE schon fast peinlich stereotyp wir uns teilweise verhalten. Was auch immer dadurch seltsam gebrochen und konterkariert wird, dass wir ja auch noch jeweils angelernte Verhaltensweisen aus unseren "früheren Leben" mitbringen - das ist ein wenig wie eine Ehe zu viert... Also "Exmann" versteht "Exfrau" nicht - "Neomann" kriegt mit "Neofrau" die Krise. Ganz großes Kino! *grins*

    Vielleicht sind Transmenschlein ja so was wie Lackmuspapierchen, die man in jede x-beliebige Gesellschaft tunken kann... und dann kann man am Grad der Verfärbung den gegenwärtigen Punktestand im Krieg der Geschlechter ablesen... ;-)

    Fakt ist aber tatsächlich, dass Transmänner nach der Transition im Durchschnitt angepaßter, unauffälliger und erfolgreicher leben, als Transfrauen.
    Und ich finde, dass das allen zu denken geben sollte, die der Meinung sind, dass wir bereits tatsächliche und umfassende Gleichberechtigung hätten.

    Oder so ähnlich. Meine These ist noch ein bissi wirr. Ich werde da wohl noch ein wenig drauf herumnagen müssen. :-/

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  18. Die Nummer mit dem zum Fenster reinklettern, wenn die Pforte geschlossen ist kommt mir irgendwie ganz nebulös bekannt vor *grins*
    Aber wirklich schön und entspannt hört sich die Zeit jetzt wirklich nicht an - aber vielleicht wirkt das ja auch nur nach außen so.
    Wie es wohl weiter geht?
    Drücker
    Sissy

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  19. @Britta
    Das mit dem stereotypen Verhalten finde ich interessant, oder vielmehr das "Peinliche" daran. Weil, irgendwie repräsentiert ja das Stereotyp die 'Normalität' - was ist daran so peinlich? (Ist vielleicht naiv gefragt, aber ich frag' halt mal ;).)
    Stelle ich mir das so vor, dass Dich/Euch selbst dieses Verhalten stört? Oder eher dass es nach außen 'peinlich' wirken könnte? Oder dass Leute tatsächlich 'peinlich' reagieren?

    "Ehe zu viert". Leuchtet mir ein. Muss gut abgehen bei Euch ;), jedenfalls dürfte immer ordentlich was los sein. Langweilig stelle ich mir Euer Zusammenleben keinesfalls vor :).

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  20. @Mrs. Mop:
    Hmm... ja... stimmt schon: Das Stereotyo bildet die Norm ab - sonst wär's ja keines...
    Ich hätte halt irgendwie doch erwartet, dass wir es ein wenig anders anfangen - aber nein: Wir funktionieren im Wesentlichen ganz genau wie die anderen Kinder...
    Was ja schon fast wieder tröstlich ist. ;-)
    Weil man den Splitter im Auge des anderen ja immer besser sieht als den Balken im eigenen, fällt mir bei Alex halt jede Menge Krams auf, den ich nicht von jemandem erwartet hätte, der Jahrzehnte im Körper einer Frau zugebracht hat.
    Ich hätte angenommen, dass er verständnisvoller, langmütiger, emotionaler wäre. Aber nichts da - ganz normaler Kerl. Kennste einen, kennste alle. :-/
    Und er hat wohl auch gedacht, dass bei mir weniger stark ausgeprägt wäre, was er an Frauen schwierig oder mühsam findet.
    Hehe... hat er sich so gedacht! *grins*
    Und so richtig kommt bei uns beiden dieser ganze geschlechtsspezifische Sums erst zum tragen, seit wir auch noch mit dieser schön konventionellen Arbeitsteilung leben.

    Nööö - langweilig ist es selten! ;-P
    Und weißt du was? Auch, wenn wir es manchmal nicht leicht miteinander haben - besser ging es uns beiden selten in unseren bisherigen Leben!
    Vielleicht, weil wir einander nichts wirklich vormachen können, die Schwächen des jeweils anderen nur zu gut kennen - und wissen, wie sich das andere Leben anfühlt. Jedenfalls so ungefähr. ;-)

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